„Meine Braut ist ein Irrtum“ — sagte Gisela Brandner ins Mikrofon und deutete mit ausgestrecktem Finger direkt auf die Braut vor hundert Gästen

Unverschämt, demütigend, unverzeihlich — einfach erschütternd.
Geschichten

„Meine Braut ist ein Irrtum“, sagte Gisela Brandner in das Mikrofon und deutete mit ausgestrecktem Finger direkt auf mich.

Ein Moment völliger Stille legte sich über den Saal. Rund hundert Gäste hielten gleichzeitig den Atem an.

Dann brach irgendwo ein kurzes, unsicheres Kichern aus. Es kam von Monika Reichel am Nebentisch. Sie schlug sich die Hand vor den Mund, doch ihre Augen verrieten unverhohlene Schadenfreude.

„Sie ist sechsundzwanzig“, fuhr Gisela unbeirrt fort. „Mein Sohn ist dreiunddreißig. Er braucht eine Frau mit mehr Reife. Sie kennen sich seit acht Monaten. Acht! Das ist keine Grundlage für eine Ehe.“

Ralf Kühnert zog sein Handy aus der Tasche und begann zu filmen. Seine Frau beugte sich zur Nachbarin und flüsterte entsetzt: „Das kann doch nicht ihr Ernst sein …“

Doch genau das war es.

„Als Mutter des Bräutigams sage ich es offen: Ich lehne diese Hochzeit ab.“ Gisela hob ihr Champagnerglas. „Aber nun ja. Jugend. Dummheit. Liebe ist blind, nicht wahr?“ Sie lächelte dünn. „Ich trinke auf das Wohl des Brautpaares. Möge es wenigstens ein Jahr halten.“

An mehreren Tischen wurde gelacht. Erst vereinzelt, dann lauter. Schließlich stimmte eine ganze Reihe von Gästen im hinteren Teil des Raumes ein.

Ein junges Mädchen am Nachbartisch flüsterte mitleidig: „Die arme Braut. Wie demütigend.“ Ihre Freundin zückte bereits das Handy. „Hast du das drauf? Das geht sofort auf Instagram.“

Ich saß am Ehrentisch. In meinem Brautkleid, das ich drei Monate lang ausgesucht hatte. Mit dem Blumenkranz im Haar, den meine Mutter mir heute Morgen geflochten hatte. Neben Daniel Korner, meinem frisch angetrauten Ehemann. Er starrte auf seinen Teller, die Hände reglos im Schoß verschränkt. Er wirkte, als hätte er vergessen zu atmen.

Zwanzig Minuten nach der Trauung. Bei meiner eigenen Hochzeit. Vor hundert Gästen. In dem Restaurant, das meinem Vater gehörte.

Und meine Schwiegermutter hatte mich gerade öffentlich als Fehler bezeichnet.

Gisela legte das Mikrofon zurück auf den Tisch. Ihr Lächeln sagte alles: Endlich hatte sie ausgesprochen, was sie lange gedacht hatte. Sie setzte sich wieder. Daniels Schwester Marlene Auerbach starrte sie mit offenem Mund an, brachte jedoch kein Wort hervor.

Mein Vater saß am Tisch daneben. Ich sah, wie sich seine Kiefermuskeln verhärteten. Wie er das Glas so fest umklammerte, dass ich fürchtete, es könnte zerbrechen. Sein Blick glitt zu mir – im weißen Kleid, mit verschmiertem Augen-Make-up, die Hände ineinander verkrampft.

Dann sah er Daniel. Reglos wie eine Statue. Kein Wort. Kein Blick zu seiner Mutter. Kein Blick zu mir.

Schließlich wanderte sein Blick zurück zu Gisela, die bereits wieder Champagner trank und sich den beobachtenden Gästen selbstzufrieden zuwandte.

Mein Vater erhob sich. Ging zu seinem Platz. Leerte sein Glas in einem Zug. Dann stellte er es mit solcher Wucht ab, dass es laut klirrte.

Alle Augen im Saal richteten sich auf ihn.

Er trat zum Mikrofon, nahm es in die Hand und sah zuerst Gisela Brandner an. Dann mich.

„Verzeihen Sie“, sagte er ruhig, doch seine Stimme klang hart wie Stahl, „dürfte ich kurz etwas sagen?“

Am Morgen war ich in meinem alten Kinderzimmer aufgewacht. Im Haus meiner Eltern. Dort, wo ich sechsundzwanzig Jahre meines Lebens verbracht hatte.

Heute war mein Hochzeitstag.

Ich hätte glücklich sein sollen. Angespannt, ja — aber auf diese gute, erwartungsvolle Art. Stattdessen spürte ich etwas ganz anderes, das mich schon beim Erwachen nicht mehr losließ.

Fortsetzung des Artikels

LebensKlüber