— Und SO willst du unter Leute gehen, Maria Winter?
Sabine Kraus’ Stimme stürmte noch vor ihr in den Flur, schrill und schneidend, als würde Metall über Glas kratzen. Mit einem Schlag zerbrach sie die leichte, erwartungsvolle Stimmung, die bis eben noch über dem Abend gelegen hatte. Vor wenigen Minuten hatten noch der Duft von Maria Winters Parfum, frisch aufgebrühter Kaffee und die stille Aussicht auf zwei friedliche Stunden im Halbdunkel eines Kinosaals die Wohnung erfüllt.
Nun aber schien die Luft schwer zu werden, aufgeladen wie kurz vor einem Gewitter. Xaver Bergmann, bereits in Schuhen, die Autoschlüssel fest in der Hand, brach mitten im Satz ab. Unwillkürlich zog er die Schultern hoch, als könne ihn der Kragen seiner Lederjacke vor dem schützen, was gleich kommen würde.
— Guten Abend, Sabine Kraus — sagte Maria Winter, ohne sich zu ihr umzudrehen. Sie blieb vor dem Spiegel stehen und strich eine widerspenstige Haarsträhne zurecht. Ihre Stimme klang ruhig, vielleicht sogar etwas tiefer als sonst.
Doch ihre Schwiegermutter hatte keinen Gruß erwartet und schon gar keinen gebraucht. Ihr scharfer, prüfender Blick wanderte bereits über Maria Winter hinweg, von oben bis unten, und blieb an jedem Detail mit unverhohlener Missbilligung hängen. Erst an dem weißen Top, dann an dem schmalen Streifen nackter Haut, schließlich an der kurzen Jeansshorts mit den absichtlich ausgefransten Säumen. Sabine Kraus presste die Lippen zusammen, bis sie nur noch wie ein blasser Strich wirkten.

— Ich fasse es nicht, Xaver Bergmann. Bist du völlig blind geworden? — Sie sprach nicht mit Maria Winter, sondern direkt zu ihrem Sohn, als stünde die Schwiegertochter gar nicht im Raum, sondern sei irgendein Gegenstand in der Diele. — Sieh sie dir doch an! Tritt so eine verheiratete Frau auf? Eine Ehefrau? Das ist eine Schande. In diesem Aufzug auf die Straße zu gehen… Was sollen denn die Leute sagen? Was werden unsere Bekannten denken, wenn sie euch so sehen? Man könnte meinen, du hättest sie in irgendeiner billigen Kneipe aufgelesen.
Maria Winter schwieg weiterhin. Nur der Verschluss ihrer kleinen Tasche klickte trocken, als sie den Riemen befestigte. Das war ihre einzige Antwort. In ihr begann etwas Dunkles, Heißes langsam aufzusteigen und zu brodeln. Sie hielt sich zurück. Wegen Xaver Bergmann, der von einem Fuß auf den anderen trat und verzweifelt auf die Türklinke starrte, als könne sie ihn im nächsten Augenblick aus dieser Wohnung herausbeamen. Sie sagte nichts, und dieses Schweigen dröhnte lauter als jeder Schrei.
— Ein Mann muss in seinem Haus ein Wort haben, Autorität, Rückgrat — fuhr Sabine Kraus unerschütterlich fort. Ihre Stimme wurde kräftiger, getragen von jenem Pathos, das Menschen entwickeln, wenn sie sich selbst für die Stimme der Gerechtigkeit halten. — Eine Frau hat auf ihren Mann zu hören. Sie muss seinem Ansehen entsprechen. Und das hier? Das ist eine Provokation! Eine Zurschaustellung von Zügellosigkeit! Ich bin sicher, dir ist das selbst peinlich, mein Sohn. Du schweigst nur aus Höflichkeit, weil du sie nicht verletzen willst. Aber ich bin deine Mutter, ich sehe es dir an den Augen an! Du schämst dich für sie!
Damit war die Grenze erreicht. Es war, als hätte jemand einen Abzug betätigt. Maria Winter drehte sich abrupt um. Ihr Gesicht blieb beherrscht, doch in ihren Augen brannte ein kaltes Feuer. Sie sah nicht ihren Mann an. Ihr Blick traf direkt das Gesicht ihrer Schwiegermutter.
— Was Ihnen gefällt oder nicht gefällt, Sabine Kraus, interessiert mich nicht. Wenn Sie ein Problem damit haben, wie ich aussehe, dann ist das Ihr Problem. Mir gefällt es, und Ihrem Sohn offenbar auch. Also hören Sie endlich mit Ihren ständigen Bemerkungen auf.
Klar und hart prallten die Worte von den Wänden des Flurs zurück. Sabine Kraus sog theatralisch die Luft ein, legte eine Hand auf die Brust und riss die Augen weit auf, als sei sie Zeugin einer unerhörten Grausamkeit geworden.
— Xaver Bergmann! Hörst du das? Hörst du, wie sie mit mir spricht? Mit mir, deiner Mutter!
Xaver Bergmann zuckte zusammen, als erwache er aus einer Trance. Er machte einen Schritt nach vorn; in seinem Gesicht lag die Qual eines Menschen, der es allen recht machen und gerade deshalb niemandem helfen kann.
— Maria… Mama… Vielleicht versuchen wir einfach, ein bisschen ruhiger zu bleiben. Nicht so, bitte…
— Ruhiger? — wiederholte Maria Winter mit eisiger Stimme. Nun richtete sie den Blick auf ihren Mann. Darin lag keine Zärtlichkeit mehr, auch keine bloße Kränkung, sondern eine kühle, bittere Enttäuschung. — Gut. Ich werde vollkommen ruhig sein. — Sie sah ihm gerade in die Augen. — Wenn es deiner Mutter so wichtig ist, dass du dich nicht blamierst, dann bleib bei ihr. Tröste sie. Ich gehe auch allein ins Kino. Ich habe keinen Grund, mich zu schämen.
Ohne auf eine Antwort zu warten, nahm sie ihre Tasche, drehte mit einer einzigen Bewegung den Schlüssel im Schloss und trat hinaus. Die Metalltür fiel hinter ihr mit einem leisen, endgültigen Klicken ins Schloss. Damit trennte sie sich von der Bühne dieses Familiendramas und ließ den Sohn zurück, damit er seine Mutter beruhigte.
Als die Tür geschlossen war, wirkte dieses unscheinbare, alltägliche Geräusch auf Sabine Kraus wie ein kalter Wasserguss. Ihre große Pose verlor plötzlich jede Kraft. Die Hand, die sie eben noch ans Herz gepresst hatte, sank langsam an ihrer Seite herab. Die Maske der gekränkten Mutter glitt von ihrem Gesicht, und darunter kam etwas Hartes zum Vorschein.
