Clara musste unwillkürlich schmunzeln.
„Kann ich bei dir schlafen? Nur ein, zwei Nächte …“
„Komm rein.“
Victoria ließ sich auf dem Sofa nieder und ließ den Blick durch die Räume wandern, noch halb ungläubig.
„Es ist wirklich schön hier. Hast du das alles allein geschafft?“
„Jeden Euro selbst verdient, jede Entscheidung selbst getroffen.“
„Und wie hast du das ausgehalten? Ganz ohne Hilfe?“
„Ich habe täglich vierzehn Stunden gearbeitet. Ohne Jammern, ohne mich selbst zu bemitleiden.“
Victoria sagte nichts mehr. Ihre Augen blieben an den Bildern an der Wand hängen: Claras Auszeichnungen, zufriedene Kundinnen, sichtbare Etappen eines mühsam erkämpften Weges.
„Sie haben mir die Chats gezeigt“, murmelte sie schließlich.
„Ich weiß.“
„War das Absicht? Wolltest du mir schaden?“
„Nein. Ich wollte, dass etwas geradegerückt wird. Du hast Dinge bekommen, die du dir nie erarbeitet hast – und verloren, was du dir selbst zuzuschreiben hattest.“
„Wirst du mir irgendwann verzeihen?“
Clara schwieg einen Moment.
„Victoria, Vergebung ist kein Geschenk. Man muss sie sich verdienen. Genau wie alles andere.“
„Und unsere Eltern?“
„Was ist mit ihnen?“
„Melden sie sich bei dir?“
„Ja. Von immer neuen Nummern.“
„Und was sagst du ihnen?“
Clara stellte den Wasserkocher an, ohne sich umzudrehen.
„Dasselbe, was sie mir früher gesagt haben: ‚Mach dir keine falschen Hoffnungen.‘ Danach blockiere ich sie.“
Am nächsten Morgen stopfte Victoria ihre wenigen Sachen zusammen. Über Bekannte hatte sie ein Zimmer in einem Wohnheim gefunden.
„Danke, dass ich bleiben durfte.“
„Gern.“
„Und … danke für die Lektion. Auch wenn sie wehgetan hat.“
An der Tür blieb Victoria stehen.
„Weißt du, was das Erschreckendste ist? Ich war überzeugt, mir stünde alles zu. Einfach weil ich die Jüngere war, die Hübschere, die angeblich Besondere.“
Clara nickte ruhig.
„Jetzt weißt du, dass es keine Besonderen gibt. Nur Menschen, die arbeiten – und solche, die warten, dass man ihnen etwas schenkt.“
„Und wo stehe ich gerade?“
„Noch bei den Wartenden. Aber das kannst du ändern.“
Die Tür fiel ins Schloss. Clara trat ans Fenster und sah, wie Victoria über den Hof ging, mit einer schweren Tüte in der Hand – ohne Auto, ohne Geld, ohne den gewohnten Rückhalt, aber zum ersten Mal ehrlich auf sich gestellt.
Das Handy vibrierte. Unbekannte Nummer. Clara lächelte kurz. Ihre Eltern gaben nicht auf.
Sie drückte auf „Ablehnen“ und sperrte auch diese Nummer. Manche Lektionen muss jeder allein lernen.
