…ausgedruckt.
„Das sind Chatverläufe eurer Lieblingstochter aus den letzten beiden Jahren.“
Der Vater nahm das oberste Blatt, überflog die ersten Zeilen – und seine Hautfarbe wich schlagartig.
„Woher hast du das?“
Clara hob nur leicht die Schultern. „Das spielt keine Rolle. Entscheidend ist, dass ihr jetzt wisst, wem ihr eine Wohnung geschenkt habt und für wen ihr gerade ein Auto aussucht.“
Die Mutter beugte sich über das nächste Blatt. Mit jeder Zeile wurden ihre Augen größer.
„Das kann nicht von ihr sein! Das ist manipuliert!“
„Mama, da sind ihre Fotos dabei, Zeitstempel, Standorte. Wenn ihr Zweifel habt – loggt euch in ihren Account ein und überprüft es selbst.“
Der Vater las weiter, seine Finger zitterten so stark, dass das Papier raschelte.
„‚Unsere Eltern sind naive Trottel‘ … ‚Clara soll sehen, wie sie klarkommt, mir steht sowieso alles zu‘ … Mein Gott …“
Er sah auf. „Was willst du damit erreichen, Clara?“
„Gerechtigkeit, Papa. Erinnerst du dich an deine Worte vor zwei Jahren? ‚Mach dir keine falschen Hoffnungen.‘ Sag diesen Satz jetzt ihr.“
Die Mutter schluchzte leise über den Ausdrucken.
„Wir wussten das nicht … Wir dachten, sie sei einfach jung, unerfahren …“
„Und ich war in dem Alter was? Alt und allwissend?“ Claras Stimme blieb ruhig, aber hart. „Ihr habt euch für ein Lieblingskind entschieden. Und jetzt seht ihr das Ergebnis.“
Der Vater ließ sich schwer in den Sessel fallen.
„Sie plant sogar, das Wochenendhaus zu verkaufen … Das wir noch nicht einmal gekauft haben …“
„Und mit eurem Geld durch Europa zu reisen“, ergänzte Clara nüchtern. „Danach wäre sie zurückgekommen – für neue Geschenke.“
Eine Woche später erfuhr Victoria vom Ende der finanziellen Unterstützung auf die brutalste Art: Ihre Karte wurde in einer Boutique abgelehnt. Wutausbrüche, panische Anrufe, Drohungen und Tränen änderten nichts.
„Erwachsene Töchter sorgen für sich selbst“, sagte der Vater kalt und legte auf.
Victoria rannte von einer Möglichkeit zur nächsten, suchte Arbeit, doch ohne Erfahrung und ohne Kontakte blieb fast alles verschlossen. Am Ende landete sie als Verkäuferin in einem Kosmetikladen – für ein Gehalt, das kaum zum Leben reichte.
Acht Monate vergingen. Clara eröffnete gerade ihr zweites Schmuckgeschäft und stand mitten im Umzug in ihre eigene Wohnung, als es an der Tür klingelte.
Draußen stand Victoria. Abgemagert, mit leeren Augen, in einer billigen Jacke. In den Händen hielt sie eine zerknitterte Tüte mit ein paar Sachen.
„Hallo, große Schwester.“
„Was ist passiert?“
„Ich wurde aus der Wohnung geworfen. Die Nebenkosten hab ich nicht gezahlt … dachte, unsere Eltern würden einspringen.“
„Und?“
„Sie sagten nur: ‚Mach dir keine falschen Hoffnungen.‘“
Clara musste unwillkürlich schmunzeln.
