Tagsüber stand Clara Peters hinter der Theke und servierte Kaffee und Teller, abends und nachts saß sie bis zum Morgengrauen an ihrem Arbeitstisch. Freie Tage kannte sie nicht, Pausen ebenso wenig. Ihr Leben bestand aus Schichten, Terminen und dem ständigen Drängen, irgendwie voranzukommen.
Victoria Sommer hingegen führte, zumindest laut ihren Profilen, ein völlig anderes Dasein. In den sozialen Netzwerken reihte sich ein glamouröser Moment an den nächsten: Menüs aus Nobelrestaurants, Einkaufstüten teurer Boutiquen, selbstverliebte Selfies und pathetische Beiträge darüber, wie anstrengend es sei, „erwachsen zu sein“.
Eher beiläufig erfuhr Clara von den neuesten Plänen ihrer Eltern. Die Quelle war ausgerechnet eine redselige Freundin ihrer Mutter, die nichts für sich behalten konnte.
„Stell dir vor, eine Wohnung reicht ihnen nicht mehr“, plauderte sie am Telefon. „Zum zwanzigsten Geburtstag bekommt Victoria jetzt auch noch ein Auto. Deine Mutter meint, für das Mädchen sei die U-Bahn einfach unzumutbar.“
In diesem Moment fiel Claras Entscheidung. Sie wusste, womit sie reagieren konnte. Es gab etwas, das nur sie in der Hand hatte: das Passwort eines alten Laptops von Victoria, den die Schwester früher sogar mit in die Schule geschleppt hatte. Bequemlichkeit war Victorias zweite Natur gewesen – Clara war sicher, dass sie denselben Zugang noch immer überall nutzte.
Was sie dort fand, übertraf ihre Erwartungen. Die Chatverläufe waren ein Sammelsurium aus Spott und Zynismus. In Nachrichten an Freundinnen machte Victoria sich hemmungslos über die eigenen Eltern lustig:
Sie schrieb, sie gehe längst nicht mehr zur Uni und lasse alle im Glauben, sie studiere noch, wozu sich anstrengen, wenn das Geld des Vaters alles regle.
An anderer Stelle prahlte sie damit, an einem einzigen Abend im Casino das verschleudert zu haben, wofür ihre Mutter monatelang „sorgte“.
Und dann die Sache mit dem Wochenendhaus: Die Eltern wollten es schenken, sie hatte bereits einen Makler kontaktiert, um es zu verkaufen und sich nach Europa abzusetzen – den Eltern würde sie später etwas von „schlechter Energie“ erzählen.
Am bittersten war jedoch der Chat mit ihrer besten Freundin. Dort verhöhnte Victoria Clara offen, sprach von ihr als jemandem, der in irgendeinem Gemeinschaftshaus vor sich hinvegetiere, während sie selbst von den Eltern auf Händen getragen werde. Gerecht sei das, fand sie, schließlich sei Clara ja die „Unabhängige“, und sie selbst eine Prinzessin, der alles zustünde.
Clara wählte die deutlichsten Nachrichten aus, druckte sie aus und rief am nächsten Tag zu Hause an.
„Mama, ich komme heute Abend vorbei.“
Die Freude am anderen Ende war groß, doch Clara blieb ruhig. „Bitte nur ihr beide. Ohne Victoria. Und Papa soll auch da sein.“
Als sie eintraf, wurde sie herzlich empfangen. Auf dem Tisch lagen Hochglanzkataloge mit Autos, offenbar mitten in der Auswahl des nächsten Geschenks.
„Ich habe euch etwas mitgebracht“, sagte Clara schließlich und stellte eine Mappe mit sorgfältig geordneten Ausdrucken auf den Tisch.
