«Kommt ruhig vorbei.» — sagte ich ruhig und packte heimlich Koffer

Diese Entscheidung war schockierend und zugleich befreiend.
Geschichten

Sebastian Lorenz stand schließlich allein vor dem verschlossenen Tor des verwaisten Hauses, während die Stille sich über den Hof legte.

Am ersten Januar, gegen Mittag, tauchte er auf der Ferienanlage auf. Ich bemerkte ihn durch das Fenster: Er kam den verschneiten Weg entlang, die Schultern hochgezogen, einen Strauß roter Rosen in der Hand. Die Kälte hatte ihm die Wangen gerötet.

Unsere Tochter stürmte los, fiel ihm um den Hals. Er drückte sie an sich, doch sein Blick glitt an ihr vorbei direkt zu mir.

Wir traten gemeinsam auf die Veranda. Ich trug einen dicken Pullover, fühlte mich ausgeruht und überraschend ruhig. Wortlos reichte er mir die Blumen.

„Meine Mutter hat gesagt, du wirst ihr Haus nicht mehr betreten“, brachte er schließlich hervor.

„In Ordnung“, antwortete ich gelassen. „Und was ist mit dir?“

Er schwieg lange, starrte auf die Holzbohlen unter seinen Füßen. Dann seufzte er.

„Gestern habe ich allein zweiundzwanzig Menschen empfangen und immer wieder erklären müssen, warum es kein Essen gab. Meine Mutter hat mich vor allen zusammengestaucht. Eine halbe Stunde lang. Sie nannte mich einen Waschlappen und behauptete, ich hätte meine Frau nicht im Griff.“

Ich sagte nichts. Er hob den Kopf, sah mich fest an.

„Das passiert nie wieder. Das verspreche ich.“

Ich nahm die Rosen und nickte. Nicht, weil ich ihm sofort glaubte, sondern weil er zum ersten Mal seit einem Jahr mit mir sprach – und nicht im Namen seiner Mutter.

Im Frühjahr versuchte Helga Brandt, die Fäden wieder aufzunehmen. Sie rief Sebastian an, deutete die Feiertage im Mai an. Seine Antworten blieben knapp: „Wir haben keine Zeit.“

Den nächsten Jahreswechsel verbrachten wir zu dritt. Ich deckte einen kleinen Tisch und kochte genau so viel, wie wir brauchten. Sebastian entzündete den Kamin, unsere Tochter schmückte den Baum.

Kurz vor Mitternacht erhob er sein Glas und sah mich an.

„Auf dich.“

Ich lächelte. Nicht, weil alles perfekt geworden war, sondern weil ich mich in meinem eigenen Zuhause endlich als Hausherrin fühlte – nicht als Bedienung.

Helga Brandt kam seitdem nicht mehr zu Besuch. Die Verwandtschaft mied unser Haus. Und ich habe keinen Moment bereut: weder die Ferienanlage noch das ausgeschaltete Telefon, noch die zweiundzwanzig hungrigen Gäste vor einer verschlossenen Tür.

Manchmal ist Schweigen die klarste Antwort. Und eine abgeschlossene Tür die richtige Entscheidung.

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