«Kommt ruhig vorbei.» — sagte ich ruhig und packte heimlich Koffer

Diese Entscheidung war schockierend und zugleich befreiend.
Geschichten

…sie wieder bei uns feiern wollen. Es würden genauso viele kommen wie sonst, vielleicht ein, zwei mehr. Katharina wisse ja inzwischen, was auf den Tisch müsse, nicht wahr? Im letzten Jahr sei schließlich alles wunderbar gewesen.

Sebastian Lorenz warf mir einen schuldbewussten Blick zu, als rechne er fest mit einem Ausbruch.

„In Ordnung“, sagte ich ruhig. „Kommt ruhig vorbei.“

Er hob überrascht die Augenbrauen. Ich jedoch wandte mich einfach wieder dem Spülbecken zu, als wäre nichts weiter besprochen worden.

Am folgenden Tag kaufte ich drei Gutscheine für eine Ferienanlage. Tief im Wald gelegen, knapp drei Autostunden entfernt, kleine Holzhäuser mit Kaminen. Den ganzen Dezember über kam Sebastian spät von der Arbeit, sodass er kaum bemerkte, wie ich nebenbei Koffer packte und alles vorbereitete.

Am Abend des dreißigsten Dezembers meldete sich Helga Brandt telefonisch.

„Katharina, du weißt doch, dass wir morgen loslegen“, erinnerte sie mich. „Mach alles wie letztes Jahr, nur bitte mehr Kartoffelsalat. Und vergiss das warme Essen nicht, das Huhn war etwas knapp.“

„Es wird alles da sein“, antwortete ich knapp.

Zufrieden legte sie auf.

Am einunddreißigsten Dezember, Punkt zehn Uhr morgens, stiegen meine Tochter und ich in ein Taxi. Sebastian war nicht zu Hause – er war früh zur Arbeit gefahren und hatte versprochen, gegen drei zurückzukommen. Das Haus ließ ich sauber, leer und sorgfältig abgeschlossen zurück.

„Mama, weiß Papa eigentlich, dass wir wegfahren?“, fragte meine Tochter leise während der Fahrt.

„Er wird es erfahren“, entgegnete ich.

Gegen ein Uhr saßen wir bereits in einem warmen Holzhaus, tranken Kakao und blickten durch die Scheiben auf die verschneiten Kiefern. Das Handy schaltete ich sofort aus.

Um drei Uhr kam Sebastian nach Hause. Vor dem Tor standen schon mehrere Autos. Helga Brandt war gerade dabei, mit einer Kiste Sekt aus dem Kofferraum zu steigen, lachte laut und rief den Verwandten etwas zu.

Die Haustür blieb verschlossen. Kein Licht brannte hinter den Fenstern.

Er versuchte mich zu erreichen. Ein Anruf, dann der nächste, immer wieder. Zunächst empörte sich Helga Brandt, später schrie sie vor Wut.

„Das ist eine Frechheit! Wie kann sie es wagen! Sebastian, klär das sofort!“

Die Verwandtschaft fror auf der Straße, trat von einem Fuß auf den anderen. In der Stadt war jedes Café überfüllt, alle Tische längst reserviert. Jemand schlug vor, zu Sebastians Schwester zu fahren, doch sie lehnte ab – zu wenig Platz.

Gegen Abend löste sich die Gesellschaft auf. Hungrig, verärgert und gekränkt fuhren sie nach Hause. Helga Brandt verließ als Letzte das Grundstück und schlug die Autotür so heftig zu, dass der Knall durch die ganze Straße hallte.

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