«Kommt ruhig vorbei.» — sagte ich ruhig und packte heimlich Koffer

Diese Entscheidung war schockierend und zugleich befreiend.
Geschichten

Helga Brandt rief bereits zum fünften Mal an. Ich beobachtete nur, wie das Display des Handys auf dem Tisch aufleuchtete, und blieb reglos sitzen. Draußen, direkt am Tor, parkte gerade ein weiteres Auto. Stimmen mischten sich mit dem Zuschlagen von Türen, ein verwirrtes Stimmengewirr lag in der Luft.

Meine Tochter saß neben mir, in eine Decke gehüllt, dicht am Kamin, und blätterte gedankenverloren in einer Zeitschrift.

„Mama, kommt Papa bald?“, fragte sie leise.

„Bald“, antwortete ich, nahm einen Schluck vom heißen Kakao und zwang mich zu einem Lächeln.

Wir befanden uns drei Autostunden von zu Hause entfernt. In einer gemütlichen Holzhütte auf einer Ferienanlage, erfüllt vom Duft nach Kiefernholz und Kaminrauch. Währenddessen versammelten sich bei unserem Haus zweiundzwanzig erwartungsvolle, hungrige Gäste, die fest damit rechneten, dass ich am Herd stehen würde.

Das Telefon begann erneut zu klingeln. Ich schaltete es aus und atmete auf.

Noch vor einem Jahr hätte ich das nicht gekonnt. Damals fiel es mir unmöglich, „nein“ zu sagen.

Sebastian Lorenz und ich hatten zwölf Jahre in einem engen Wohnheimzimmer verbracht, bis mir das Haus meines Großvaters überschrieben wurde. Ein kleines Einfamilienhaus am Stadtrand, mit Ofen und großzügigem Wohnzimmer. Wir zogen im März ein. Sebastian strahlte vor Glück, und unsere Tochter hatte zum ersten Mal ein eigenes Zimmer.

Im April meldete sich Helga Brandt. Zuvor hatte sie sich höchstens einmal im Jahr gemeldet, meist per SMS. Nun klang ihre Stimme plötzlich warm und fürsorglich.

„Sebastianchen, wie lebt ihr euch ein? Zu Neujahr muss die Familie doch zusammenkommen. Jetzt habt ihr ja den Platz dafür.“

Sebastian konnte seiner Mutter noch nie etwas abschlagen.

Am zweiundzwanzigsten Dezember stand sie zur „Begutachtung“ vor der Tür.

Ich hing gerade Gardinen auf, als ich ihre Stimme im Flur hörte.

„Sebastian, der Familienrat hat entschieden: Wir feiern bei euch. Es werden etwa zweiundzwanzig Personen.“

Sie trat ins Wohnzimmer und strich prüfend über die Rückenlehne des Sofas.

„Katharina Hermann arbeitet doch als Konditorin, für sie ist so ein Festessen doch ein Klacks, oder?“

Ich stand auf der Leiter, die Gardinenstange in den Händen. Ich wollte sagen, dass ich täglich zwölf Stunden arbeite, dass Lebensmittel inzwischen ein halbes Gehalt verschlingen. Doch mir blieb die Stimme weg.

„Wir legen das später zusammen“, fügte meine Schwiegermutter hinzu und wandte sich an Sebastian. „Du verstehst doch, wie wichtig es ist, dass die Familie zusammen ist.“

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