„Sophia Lange, sag mir bitte den PIN für deine Banking-App. Ich installiere sie gleich auf meinem Tablet, damit wir endlich einen gemeinsamen Familienhaushalt ordentlich führen können.“
Sophia blieb mit der Kaffeekanne in der Hand wie angewurzelt stehen. Der Duft des frisch gebrühten Morgenkaffees hatte gerade die Küche erfüllt und mischte sich mit dem Geruch warmer Brötchen aus der Bäckerei an der Ecke. An dem großen Esstisch, der beinahe die Hälfte der hellen Küche mit ihren hohen Decken einnahm, saß ihre Schwiegermutter Christina Lang. Sie trug einen seidenen Morgenmantel, ihre Frisur saß makellos, und vor ihr lag ein nagelneues Tablet — bezahlt, nebenbei bemerkt, mit Sophias Kreditkarte, damals zu Weihnachten.
Ihr gegenüber saß Maximilian Möller, Sophias Ehemann. Mit betont gelangweilter Miene strich er Butter auf eine knusprige Brezel und tat so, als sei der Artikel auf seinem Smartphone von weltbewegender Bedeutung.
„Christina Lang, vielleicht bin ich noch nicht ganz wach“, sagte Sophia langsam und stellte die Kaffeekanne auf den hölzernen Untersetzer. „Weshalb genau brauchen Sie Zugriff auf mein privates Bankkonto?“
„Ach, Sophia Lange, stell dich doch nicht so kindisch an.“ Ihre Schwiegermutter lächelte herablassend; dabei blitzte ihr goldenes Armband auf. „Maximilian hat mir gestern erzählt, dass ihr beide mit Geld überhaupt nicht umgehen könnt. Mal kommt eine riesige Nachzahlung für die Nebenkosten, mal steigt die Autoversicherung. Ich habe dreißig Jahre in der Planungsabteilung gearbeitet, mein Kind! Ich werde eure Geldströme endlich vernünftig ordnen. Versicherungen bezahlen, die Miete überweisen, Sebastian Walter ab und zu ein wenig unter die Arme greifen, wenn es mit seinen Start-ups wieder besonders eng wird. In einer Familie muss es eine zentrale Kasse geben! Erinnerst du dich an diesen alten Film mit der Garage? Da heißt es doch: Rechtzeitig verraten ist kein Verrat, sondern Weitsicht! Ach nein, das war vielleicht aus einem anderen Film… Egal. Jedenfalls muss das Kollektiv seiner Führung vertrauen.“

„Sebastian Walter? Ihrem jüngeren Sohn? Und zwar von meinem Gehalt?“ Sophia wandte den Blick zu ihrem Mann. „Maximilian, möchtest du dazu vielleicht auch etwas sagen?“
Maximilian seufzte theatralisch, legte das Messer zur Seite und rieb sich den Nasenrücken, als sei er ein zutiefst erschöpfter Erwachsener, der sich mit unvernünftigen Kindern abgeben müsse. Mit fünfundvierzig pflegte er noch immer das Aussehen eines bohemischen Intellektuellen: leicht unrasiert, teure Hornbrille, Kaschmirpullover.
„Sophia Lange, fang bitte nicht schon wieder an. Mama hat recht. Du bist dauernd im Job, hängst Tag und Nacht auf deinen Baustellen herum, zeichnest deine Blumenbeete und Parkanlagen. Du hast schlicht keine Zeit, den Überblick über den Kontostand zu behalten. Hier ein paar Euro, dort eine Abbuchung, da ein Abo — und schon rinnt das Geld einem durch die Finger. Gestern kam die Abrechnung für Heizung und Warmwasser: fast eintausendzweihundert Euro zusätzlich! Mama würde nur die Verwaltung übernehmen. Sie teilt uns dann Beträge für persönliche Ausgaben zu. Das ist doch praktisch.“
„Die Nachzahlung für die Heizung kam deshalb, Maximilian“, erwiderte Sophia, und ihre Stimme wurde gefährlich leise, „weil deine Mutter drei Monate im Jahr bei uns wohnt, die Heizkörper bis zum Anschlag aufdreht und gleichzeitig die Fenster sperrangelweit offen lässt, weil ihr angeblich die Luft zu stickig ist. Und mir rinnt kein Geld durch die Finger. Ich bin Landschaftsarchitektin. Ich entwerfe öffentliche Parkanlagen und private Gärten. Ich verdiene gut, und ich weiß sehr genau, wofür jeder einzelne Cent ausgegeben wird.“
„Wie kleinlich du bist“, sagte Christina Lang und presste die Lippen zusammen. „Bei dir wird wirklich alles in Euro gemessen! Sogar die Heizung für deine eigene Schwiegermutter ist dir zu schade. Hast du nie diese alten Familienfilme gesehen, in denen man noch wusste, was Zusammenhalt bedeutet? Stattdessen bist du so bodenständig, so beschränkt. Maximilian ist ein schöpferischer Mensch, ein kreativer Produzent. Er muss über große Dinge nachdenken und nicht über Rechnungen und Überweisungen.“
„Ein kreativer Produzent, der in den letzten zwei Jahren nichts Erfolgreicheres zustande gebracht hat als eine Party in einer Kneipe hier im Viertel, die mit einem ordentlichen Minus endete“, platzte es aus Sophia heraus. „Nein, Christina Lang. Mein PIN bleibt bei mir. Und wenn Sie unbedingt fremde Finanzen verwalten möchten, empfehle ich Ihnen, sich eine Stelle zu suchen.“
Sie drehte sich um, griff nach ihrer Laptoptasche und verließ die Wohnung. Die schwere Eichentür zog sie leise, aber endgültig hinter sich ins Schloss.
Den ganzen Arbeitstag über fand Sophia keine Ruhe. Auf ihrem Schreibtisch lagen maßstabsgetreue Pläne für einen neuen botanischen Garten; auf dem Monitor leuchteten Tabellen mit Kostenkalkulationen für exotische Pflanzen aus verschiedenen Baumschulen. Doch ihre Gedanken kehrten immer wieder in diese Küche am Morgen zurück.
Sie war zweiundvierzig Jahre alt. Als sie Maximilian Möller acht Jahre zuvor geheiratet hatte, war er ihr wie ein wandelndes Fest erschienen, ein Mensch voller Glanz, Charme und angeblich genialer Einfälle. In den ersten Jahren hatte ihr Leben tatsächlich leicht und aufregend gewirkt. Doch nach und nach waren die Feste verschwunden, und übrig geblieben war der graue Alltag. Irgendwann musste Sophia sich eingestehen, dass Maximilian nicht in der Lage war, regelmäßig Geld zu verdienen. Seine Eventagentur existierte im Grunde nur auf dem Papier.
Die gesamte finanzielle Last landete schließlich auf Sophias Schultern. Sie bezahlte die teure Miete für ihre Vierzimmerwohnung in einer guten Gegend — zweitausendfünfhundert Euro warm jeden Monat.
