Ich sah ihm an, dass seine Wut nicht den Säcken galt. Nicht einmal seiner Mutter. Er ärgerte sich darüber, dass ich nicht länger das bequeme Zahnrad in diesem kleinen Familienapparat sein wollte. Früher hatte er ein Problem nach Hause getragen, und ich hatte daraus ordentlich gefaltete Stapel gemacht. Jetzt blieb das Problem dort, wo es hingehörte: in seinen eigenen Händen.
Am Abend schleppte er die Säcke doch noch aus dem Bad in den Flur. Nicht, um sie wegzubringen. Sondern nur, um mir vorzuführen, wie sehr sie im Weg standen.
– Sieh es dir an, sagte er.
Ich sah hin. Vier große Beutel nahmen fast die Hälfte des Durchgangs ein. Aus einem war ein Kinder-T-Shirt gerutscht, auf dem ein dunkler Beerenfleck klebte. Moritz wartete auf eine Reaktion. Ich aber ging einfach daran vorbei, nahm meine Laptoptasche und verschwand ins Zimmer, um weiterzuarbeiten.
Gegen neun kam Stefanie Heinrich persönlich.
Sie betrat die Wohnung, ohne zu klingeln. Einen Schlüssel besaß sie noch aus der Zeit, als wir im Urlaub gewesen waren und sie gebeten hatten, die Blumen zu gießen. Hinter ihr erschien Mila Schubert, Moritz’ Schwester, mit einem fünften Sack. Sie hielt ihn mit beiden Händen vor sich, als bringe sie ein Geschenk, nur passte ihr verärgertes Gesicht nicht dazu.
– Na bitte, sagte meine Schwiegermutter und ließ den Blick durch den Flur wandern. – Jetzt haben wir den Zirkus.
Ich kam aus dem Arbeitszimmer und blieb im Türrahmen stehen. Moritz stand neben dem Schuhschrank. Er sah nicht zu mir herüber. Er blickte seine Mutter an wie ein Schüler, dessen Eltern in die Schule bestellt worden waren.
Stefanie Heinrich zog ihre Stiefel aus, stellte sie sorgfältig mit den Spitzen zur Wand und ging weiter, ohne zu fragen. So kam sie immer in unsere Wohnung: nicht wie ein Gast, sondern wie jemand, der sein eigenes Revier betrat, in dem wir nur versehentlich wohnten.
– Sophia, du bist eine erwachsene Frau, begann sie. – Muss man dir wirklich erklären, dass man sich in einer Familie gegenseitig hilft?
Mila stellte ihren Sack auf den Boden und schob nach:
– Ich habe zwei Kinder. Ich schaffe das körperlich einfach nicht alles.
Mein Blick fiel auf ihre Fingernägel. Frisch lackiert, dunkel, sauber gefeilt. Oben im Sack lag die Jacke ihres Mannes. Also schaffte es offenbar die ganze Familie nicht, einschließlich eines erwachsenen Mannes, der genug Kraft hatte, diese Jacke zu tragen, aber nicht genug, um sie in eine Waschmaschine zu stecken.
– Ich verstehe, dass ihr nicht hinterherkommt, sagte ich. – Genau deshalb fahren die Sachen dorthin, wo man gegen Bezahlung Wäsche waschen lassen kann.
Meine Schwiegermutter kniff die Augen zusammen.
– Gegen welche Bezahlung?
Ich ging kurz ins Zimmer und kehrte mit einem Blatt Papier zurück. Am Nachmittag, während Moritz die Säcke demonstrativ im Flur hin und her geschoben hatte, hatte ich den nächstgelegenen Waschsalon herausgesucht. Adresse, Öffnungszeiten, Preise. Alles sauber notiert. Keine Falle, keine Provokation. Nur ein schlichtes Blatt mit schwarzen Buchstaben in geraden Zeilen.
– Hier ist die Adresse. Dort gibt es große Maschinen für Decken, Vorhänge und Jacken. Geöffnet haben sie bis zehn Uhr abends.
Mila griff zuerst danach, überflog die Zeilen und stieß ein verächtliches Schnauben aus.
– Wir sollen jetzt fürs Waschen bezahlen?
– Wenn es eure Wäsche ist, ja.
Stefanie Heinrich richtete sich auf. Ihr Gesicht sah aus wie das einer Frau, die Gehorsam erwartet und stattdessen eine Gebrauchsanweisung bekommen hatte.
– Moritz, hörst du das?
Er sah mich endlich an.
– Sophia, jetzt reicht es. Du demütigst gerade meine Mutter.
– Nein. Ich gebe ihr nur ihre Sachen zurück.
– Das ist dasselbe!
– Für mich nicht.
Plötzlich wirkte der Flur nicht wegen der Säcke eng. Eng wurde er, weil jeder von uns an seinem eigentlichen Platz stand und niemand mehr so tun konnte, als sei dieser Streit zufällig entstanden. Meine Schwiegermutter wollte keine Hilfe. Sie wollte das Recht, über ihren Sohn über mich zu verfügen. Mila suchte keine Unterstützung. Sie wollte, dass meine Zeit eine Verlängerung ihres Wochenendes wurde. Und Moritz wollte keinen Frieden. Er wollte, dass ich wieder alles glättete, weil es für ihn bequemer war.
Ich nahm Stefanie Heinrichs Schlüssel vom kleinen Schränkchen. Die Schlüssel zu unserer Wohnung. Der Bund war schwer, daran hing ein metallener Anhänger in Hufeisenform. Den hatte sie damals selbst mitgebracht und gesagt, in einem Haus müsse Glück wohnen. Jetzt schlug dieses Hufeisen mit einer kalten Kante gegen meine Handfläche.
– Diese Schlüssel bleiben hier.
Meine Schwiegermutter blinzelte.
– Wie bitte?
– Sie kommen nicht mehr ohne Klingeln herein. Wenn Sie uns sehen möchten, sprechen wir vorher einen Termin ab.
Moritz machte einen Schritt auf mich zu.
– Sag mal, spinnst du jetzt völlig?
Ich hob die Hand, damit er nicht näherkam. Nicht dramatisch, nicht als Geste für ein Publikum. Ich zog nur die Grenze, die ich brauchte.
– Moritz, du nimmst jetzt die Säcke und bringst sie zu deiner Mutter. Zusammen mit diesem Zettel. Wenn du helfen möchtest, dann hilf du. Wasch die Sachen, fahr sie in den Waschsalon, häng sie bei ihr zu Hause auf. Aber über mich läuft das nicht mehr.
Mila lachte leise auf.
– Sehr bequem eingerichtet. Du hetzt deinen Mann gegen seine Familie auf.
Ich sah sie an. Oben in ihrem Sack lagen Kinderstrumpfhosen, die Jacke ihres Mannes und ein Handtuch aus einem fremden Badezimmer. All das war bei mir gelandet, ohne Bitte, ohne Dank, ohne auch nur eine Frage. Und nun wurde mir vorgeworfen, ich wolle nicht im Durcheinander anderer Leute leben.
– Ich hetze niemanden auf. Ich übernehme nur keine fremde Arbeit mehr.
Stefanie Heinrich zog langsam ihr Armband vom Handgelenk, schob es dann wieder zurück. Sie hatte die Angewohnheit, an ihrem Schmuck herumzufassen, sobald ein Gespräch nicht nach ihrem Plan verlief.
