– Willst du die Taschen jetzt wirklich anstarren, als hätte ich dir Pflastersteine angeschleppt? Meine Mutter hat gebeten, dass du die Sachen wäschst. Ist das etwa so ein Drama?
Moritz Schubert stellte zwei riesige karierte Säcke neben der Wohnungstür ab, ohne auch nur die Jacke auszuziehen. Sofort zog sich eine graue Spur über den Boden: Schnee von seinen Schuhsohlen schmolz, vermischte sich mit Sand aus dem Treppenhaus und kroch bis zur Fußmatte. Ich hielt meine Kaffeetasse in beiden Händen und sah nicht auf die Säcke, sondern in sein Gesicht. Er klang, als sei längst alles beschlossen und ich müsse nur noch darüber informiert werden.
– Deine Mutter besitzt doch eine Waschmaschine, sagte ich.
– Die schleudert kaum noch richtig.
Moritz ging in die Küche, riss den Kühlschrank auf und blickte hinein wie jemand, der gerade von einer zwölfstündigen Schicht heimgekommen war. Dabei hatte er die Säcke nicht einmal von irgendeiner Haltestelle hierhergetragen. Er war mit dem Auto gefahren, hatte sie im Aufzug hochgebracht und mir dann vor die Füße gestellt.

Aus einem der Säcke ragte der Ärmel eines Herrenhemdes. Nicht seines. Kurzärmelige Hemden trug Moritz nie. Oben auf dem anderen lag die Küchengardine von Stefanie Heinrich, seiner Mutter. Ich erkannte sie sofort an den braunen Karos; seit unserer Hochzeit hing genau diese Gardine bei ihr über der Spüle.
– Moritz, das sind nicht nur Sachen von deiner Mutter.
Er nahm eine Dose mit Buchweizen aus dem Kühlschrank, hob den Deckel an und verzog das Gesicht.
– Von wem denn sonst?
– Wenn ich nach dem Hemd gehe, jedenfalls nicht von ihr.
– Mila Schubert war bei Mama und hat ein paar Teile dagelassen. Fang jetzt bitte nicht an.
Dieses „fang nicht an“ kam bei ihm grundsätzlich früher, als ich überhaupt etwas vorbringen konnte. Eine bequeme kleine Formel. Damit ließ sich jedes Gespräch zudecken wie ein Topf mit einem Deckel: Der Dampf fand zwar irgendwann seinen Weg nach draußen, aber für eine Weile blieb es in der Küche stiller.
Ich stellte die Tasse auf den Tisch.
– Ich arbeite heute bis neun. Danach muss ich noch den Bericht fertig machen. Fremde Wäsche wasche ich nicht.
Moritz drehte sich mit der Dose in der Hand zu mir um.
– Sophia Krüger, bitte mach dich nicht lächerlich. Das ist Wäsche, keine Heldentat. Man wirft sie in die Maschine und fertig.
Er sagte es so leicht dahin. So reden Menschen, die noch nie nasse Bettbezüge aus einer Trommel gezerrt, fremde Handtücher quer durch die Wohnung aufgehängt oder Socken vom Wäscheständer genommen haben, die selbst ihrem Besitzer bei Tageslicht unangenehm gewesen wären. Für ihn bedeutete Waschen einen Knopfdruck. Für mich bedeutete es Zeit, Waschpulver, Wasser, Platz, Hände – und den Geruch fremder Leute in meinem Badezimmer.
Damals wusch ich die Sachen trotzdem.
Nicht, weil ich einverstanden war. Sondern aus jener Erschöpfung heraus, in der es einfacher ist, etwas zu erledigen, als einem Menschen zu erklären, weshalb man nicht verpflichtet ist. Nachts ließ ich zwei Maschinen laufen. Am Morgen hingen Hemden, die Gardine, Handtücher aus einer fremden Küche und Stefanie Heinrichs Bademantel im Bad. Im Flur stand feuchte, schwere Luft. Mein Kleid, das ich für einen Termin anziehen wollte, blieb im Wäschekorb. Dafür hatten weder Platz noch Zeit gereicht.
Moritz ging zufrieden zur Arbeit. Im Vorbeigehen küsste er mich an die Schläfe und sagte:
– Siehst du? War doch nichts Schlimmes.
Ich sah zu, wie die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, und dachte zum ersten Mal, dass etwas Schlimmes selten mit Geschrei beginnt. Viel häufiger beginnt es mit dem Satz „war doch nichts Schlimmes“, den jemand anders für einen ausspricht.
Eine Woche später waren es vier Säcke.
Moritz brachte sie an einem Freitagabend herein. Einen ließ er neben der Tür stehen, zwei schleifte er bis ins Badezimmer, den vierten stellte er vor den Schrank, weil im Flur kein Platz mehr war. Aus den Säcken quollen Laken, Handtücher, die Kinderjacke seines Neffen, die Sporthose seiner Schwester Mila Schubert und eine weiße Bluse, die verknotet war, als hätte man sie mitten im Zimmer ausgezogen und achtlos hingeworfen.
– Was soll das sein?
Ich fragte ruhig, doch Moritz hörte trotzdem etwas in meiner Stimme, das ihm missfiel. Seine Schultern wurden sofort hart.
– Mama hat darum gebeten. Ihre Maschine spinnt schon wieder.
– Und Mila?
– Mila hat Kinder. Für sie ist es schwer.
– Ich habe Arbeit.
– Arbeit haben wir alle, Sophia Krüger.
Diesmal klang er anders. Nicht bittend. Eher wie jemand, der Anspruch erhob.
Ich ging ins Bad. Meine eigenen Sachen lagen im Wäschekorb, von einem fremden Sack gegen die Wand gedrückt. Auf der Waschmaschine stand die Packung Waschpulver, die ich erst gestern gekauft hatte. Moritz hatte sie eigenmächtig geöffnet. Am Rand des Waschbeckens lag ein Zettel in Stefanie Heinrichs Handschrift: „Weißes getrennt. Gardinen ohne Schleudern. Mila Schuberts Bluse von Hand.“
Ich hob den Zettel mit zwei Fingern hoch.
– Sie hat also gleich eine Bedienungsanleitung mitgeschickt?
Moritz trat hinter mich.
– Spar dir den Spott. Mama ist einfach ordentlich.
– Ordentliche Menschen waschen ihre Wäsche selbst.
Er stieß scharf die Luft aus.
– In meiner Familie macht man das nicht so.
Da drehte ich mich zu ihm um.
Das Badezimmer war eng. Zwischen uns stand der Korb mit meinen Kleidern, darüber hing der Sack mit den Sachen seiner Verwandten, und plötzlich wirkte dieser kleine Raum wie ein erschreckend genaues Bild unserer Ehe. Mein Platz wurde von den Bedürfnissen anderer besetzt. Und Moritz stand vor mir und erklärte mir, genau so müsse es sein.
