«Ich lasse mich scheiden.» — sagte Karoline ruhig und legte den Ehering auf die weiße Tischdecke

Herrisch, kaltherzig — und unerwartet befreiend mutig.
Geschichten

Die Botschaften unterschieden sich kaum voneinander. Der Tenor war eindeutig: Es war richtig so.

Etwa eine Woche später kam Ida Böhm vom Einkaufen zurück und erzählte beiläufig, sie habe Felix Walter gesehen. Er stand im Supermarkt an der Kasse, den Wagen bis obenhin gefüllt mit Tiefkühlgerichten und Fertigprodukten. Er wirkte ungepflegt, die Augen gerötet, als hätte er seit Tagen kaum geschlafen.

„Ich habe ihn gefragt, wie es läuft“, berichtete Ida. „Er hat nur gemurmelt, dass seine Mutter jetzt tatsächlich krank sei, wirklich nichts mehr könne. Jetzt müsse er kochen, putzen, arbeiten – alles allein. Für ein paar Stunden hätten sie jemanden organisiert, aber das sei teuer. Er hat wohl sogar das Auto verkauft. Angeln? Keine Zeit mehr. Für gar nichts.“

Karoline hörte zu. In ihr regte sich weder Schadenfreude noch Mitleid. Stattdessen war da nur ein leiser, tiefer Frieden.

„Er wollte wissen, wo du steckst“, fügte Ida hinzu. „Und er hat gesagt, ich soll dir ausrichten: Wenn du zurückkommst, würde sich alles ändern.“

Karoline schüttelte langsam den Kopf. „Nein. Es würde sich nichts ändern. Nur eines hat sich bereits geändert: Er kennt jetzt den Preis für das, was ich all die Zeit geleistet habe.“

Eine weitere Woche verging. Dann mietete Karoline ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft, nur ein paar Minuten von der Schule entfernt. Zehn Quadratmeter, eine Gemeinschaftsküche, ein Fenster zum Innenhof. Nichts Besonderes. Aber es gehörte ihr.

Sie setzte sich auf das schmale Bett und ließ den Blick über die kahlen Wände schweifen. Auf dem Boden stand ein einzelner Koffer. Mehr hatte sie nicht mitgenommen. Mehr brauchte sie nicht.

Das Handy vibrierte. Unbekannte Nummer. Eine Nachricht: „Karoline, hier ist Sabine. Es tut mir leid. Ich habe nicht begriffen, was ich angerichtet habe. Komm zurück. Ich werde mich ändern.“

Karoline las die Zeilen, ohne Regung. Dann löschte sie sie, legte das Telefon auf die Fensterbank und wandte sich dem Hof zu.

Draußen streute eine alte Frau Brotkrumen aus. Tauben flatterten herbei, drängten sich, gurrten laut. Leben überall. Es roch nach Herbst, nach nassem Asphalt, nach fremden Mittagessen aus der Gemeinschaftsküche. Es roch nicht nach dem schweren Parfum ihrer Schwiegermutter, nicht nach ständigen Klagen und Migräneanfällen. Es roch nicht nach Felix, der nie gelernt hatte hinzusehen.

Karoline öffnete das Fenster weiter. Kalte Luft strömte herein, traf ihr Gesicht. Sie atmete tief ein, so tief, als würde sie zum ersten Mal seit Monaten wirklich Luft bekommen.

An diesem Abend legte sie sich bereits um acht Uhr schlafen. Nicht aus Erschöpfung, sondern aus freiem Willen. Niemand würde sie wecken, um Hemden zu bügeln. Niemand würde ihr vorhalten, sie gebe sich nicht genug Mühe. Niemand würde ihre Gutmütigkeit als Einladung missverstehen.

Am Morgen weckte sie die Sonne. Samstag. Kein Wecker, kein Muss. Sie konnte liegen bleiben, spazieren gehen oder einfach nichts tun. Jede Entscheidung gehörte allein ihr.

In der Küche stand Lea Meier, eine Mitbewohnerin Mitte fünfzig, und ließ den Wasserkocher surren.

„Tee?“

„Gerne.“

Sie saßen schweigend am Tisch. Draußen Tauben, Autos, irgendwo ein Streit im Hof. Ein gewöhnlicher Morgen. Nicht vertraut. Aber ihr eigener.

Karoline trank den letzten Schluck, spülte die Tasse aus und betrachtete ihr Spiegelbild im Fensterglas. Blass, ungeschminkt, die Haare zerzaust. Unauffällig. Frei. Lebendig.

Sie lächelte.

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