„…was willst du denn nun?“, brachte Thomas Gross schließlich hervor, die Worte mühsam zwischen zusammengepressten Lippen.
„Die Scheidung“, erwiderte Clara Huber ruhig, beinahe nüchtern. „Und das Geld, das mir zusteht. Eineinhalb Millionen Euro. Ihr könnt den Wagen verkaufen – den ich übrigens gemeinsam mit dir ausgesucht habe. Oder du leihst es dir von deiner Mutter. Mir ist das egal. Du hast einen Monat Zeit. Danach sehen wir uns vor Gericht.“
Sie erhob sich, ließ die unberührte Teetasse auf dem Tisch zurück und nahm ihre Tasche vom Stuhl.
„Und noch etwas“, fügte sie hinzu, als sie bereits an der Tür stand und sich ein letztes Mal umdrehte. „Meine Sachen aus dem Keller. Morgen um zehn komme ich mit einem Transportunternehmen. Sollte auch nur ein einziges Buch beschädigt sein, setze ich zusätzlich eine Klage wegen immateriellen Schadens an.“
Dann verließ sie das Café, ohne sich ein weiteres Mal umzusehen.
Vier Wochen später war die Ehe offiziell geschieden. Thomas Gross hatte – unter massivem Druck seiner Mutter – zunächst verhandeln wollen, danach gedroht und schließlich sogar geweint. Doch Clara blieb unbeirrbar. Am Ende erhielt sie 1,2 Millionen Euro. Nicht die volle Summe, aber ein akzeptabler Betrag im Rahmen der außergerichtlichen Einigung.
Mit diesem Geld leistete sie die Anzahlung für ein kleines Studio in einem Neubau. Eine helle, kompakte Wohnung mit einem großen Fenster und Blick ins Grüne. Kein kontrollierender Ehemann, keine Schwiegermutter, keine fremden Regeln mehr.
Am Tag des Einzugs sortierte Clara gerade ihre Bücher in das neue Regal, als es klingelte. Vor der Tür stand eine ältere Dame mit freundlichem Gesichtsausdruck.
„Guten Tag! Wilma Schubert aus der Nachbarwohnung“, stellte sie sich vor und hielt eine Kuchenform hoch. „Ich wollte Sie willkommen heißen. Alles Gute zum Einzug!“
Clara lächelte und nahm den duftenden Kuchen entgegen.
„Das ist unglaublich nett, vielen Dank. Kommen Sie doch rein, der Wasserkocher ist ohnehin schon an.“
Sie saßen zusammen am Küchentisch, tranken Tee und plauderten. Wilma Schubert hatte früher als Lehrerin gearbeitet, war lebhaft, humorvoll und erzählte gern. Sie berichtete vom Haus, von den Nachbarn und davon, dass donnerstags im Park ein Blasorchester spielte.
„Sind Sie allein hier eingezogen?“, fragte sie vorsichtig.
„Ja“, antwortete Clara und nickte. „Ich habe mich vor Kurzem scheiden lassen.“
„Oh“, machte die Nachbarin leise. „Dann weiß ich gar nicht – soll ich mein Mitgefühl aussprechen? Oder gratulieren?“
Clara überlegte einen Moment.
„Gratulieren passt besser. Es war die richtige Entscheidung.“
Als Wilma später gegangen war und die letzten Kartons leer waren, ließ sich Clara auf ihr Sofa fallen – jenes Sofa, das sie sich von ihrem ersten Gehalt gekauft hatte und das ihre Schwiegermutter hatte entsorgen wollen, weil es angeblich „nicht zeitgemäß“ sei. Sie blickte aus dem Fenster auf die Lichter der Stadt und dachte darüber nach, wie merkwürdig das Leben manchmal verlief.
Drei Jahre hatte sie versucht, sich in eine fremde Familie einzufügen. Drei Jahre lang hatte sie nachgegeben, geschluckt, gehofft. Und dann reichte eine einzige Woche, um alles zum Einsturz zu bringen. Oder um endlich frei zu werden.
Ihr fielen die Worte der Schwiegermutter ein: „Am Ende stehst du allein da. Wer braucht dich dann noch?“
Clara lächelte. Sie brauchte sich selbst. Und das genügte vollkommen.
Ihr Handy vibrierte. Eine Nachricht von Thomas:
„Clara, meiner Mutter geht es schlecht. Der Stress hat sie krank gemacht. Das ist deine Schuld. Hoffentlich schämst du dich.“
Clara las die Zeilen, zuckte mit den Schultern und blockierte die Nummer. Danach auch die der Mutter. Anschließend schenkte sie sich ein Glas Wein ein und legte ihren Lieblingsfilm ein.
Draußen begann es zu regnen. Die Tropfen prasselten gegen die Scheibe wie Applaus. Clara hob ihr Glas und betrachtete ihr Spiegelbild im dunklen Fenster.
„Auf das neue Leben“, sagte sie leise. „Und darauf, dass niemand jemals wieder in meinen Sachen wühlt.“
Sie nahm einen Schluck. Der Wein schmeckte zugleich herb und süß. Genau wie Freiheit.
