Sie wusste: Gegen jemanden, der es sich zur Gewohnheit gemacht hatte, von fremden Reserven zu leben und sich dabei noch als Herr im Haus aufzuspielen, durfte man nicht aus einer aufwallenden Kränkung heraus handeln.
Schon im Frühjahr hatte Sophie Friedrich einen Termin bei einer Anwältin vereinbart. Nicht, um später mit großen Worten drohen zu können, sondern um nüchtern zu wissen, was rechtlich wirklich zählte und was bloß ausgedachte Familienlegende war. Kinder hatten sie keine. Die Wohnung gehörte ihr. Gemeinsames Vermögen, um das sich ein langer Kampf gelohnt hätte, war kaum noch vorhanden. Lukas Lehmann hatte seine Geräte und mehrere teure Sachen bereits vorher verkauft und jedes Mal von „vorübergehenden Engpässen“ gesprochen. Das Auto hatte Sophie schon vor der Ehe gekauft; es lief auf ihren Namen. Sollte Lukas sich weigern, einer ruhigen Scheidung zuzustimmen, würde die Angelegenheit eben vor Gericht geklärt werden. Darauf war Sophie eingestellt.
„Du bist doch krank“, presste er hervor.
„Du beleidigst mich wieder, weil dir sonst nichts einfällt.“
Er machte einen Schritt auf sie zu. Sophie wich nicht zurück. Sie nahm lediglich ihr Handy vom Tisch und legte es neben sich, mit dem Display nach oben.
„Lukas, mach jetzt nichts Dummes. In diesem Haus hört man alles. Die Nachbarn sind da. Und falls du anfängst, Möbel herumzuwerfen oder mich anzufassen, werde ich diese Auseinandersetzung nicht ohne Zeugen führen.“
Er blieb stehen. Sein Blick zuckte durch den Raum: die Mappe, das Telefon, die geschlossene Tür, die Stille nach dem Weggang der Gäste. Zum ersten Mal lief die Situation nicht nach dem alten Muster ab, in dem er Druck machte und Sophie hinterher alles glättete.
„Du hast mich verraten“, sagte er.
Sophie rührte sich kaum.
„Nein. Ich habe nur aufgehört, dich seelisch und praktisch durchzutragen.“
„Ich bin dein Mann.“
„Noch. Aber nicht mein Besitzer.“
Er ließ sich wieder in den Sessel sinken. Nicht mehr lässig, nicht mehr breitbeinig, sondern schwer und angespannt, den Blick voller Hass auf sie gerichtet.
„Und du glaubst, ich nehme jetzt einfach eine Tasche und verschwinde?“
„Ich glaube, du wirst zuerst versuchen, Mitleid zu erzwingen. Danach wirst du drohen. Dann kommt der Satz, dass wir morgen in Ruhe darüber reden. Und wenn ich darauf eingehe, tust du morgen früh so, als wäre nichts passiert. Deshalb nein. Du gehst heute.“
Lukas starrte sie an, diesmal wirklich überrascht. Nicht, weil ihre Worte völlig neu gewesen wären, sondern weil er begriff, dass sie dieses Gespräch längst geführt hatte. Ohne ihn. Vorab. In Gedanken. Schritt für Schritt.
„Ich gehe nicht“, sagte er.
Sophie nickte, als hätte sie genau mit dieser Antwort gerechnet.
„Dann rufe ich die Polizei und sage, dass sich in meiner Wohnung jemand weigert zu gehen, aggressiv auftritt und ich befürchte, dass die Lage eskaliert.“
„Das traust du dich nicht.“
Sie berührte den Bildschirm.
Lukas sprang auf.
„Warte!“
„Entscheide dich. Schnell.“
Sein Gesicht verzog sich. Er wollte den Anschein bewahren, als hätte er weiterhin die Oberhand, doch seine Möglichkeiten schrumpften. Eine Schlägerei riskieren, während sie die Polizei rufen konnte, wagte er nicht. Freiwillig zu gehen bedeutete, seine Niederlage sichtbar zu machen. Lukas schwankte zwischen der alten Dreistigkeit und einer Angst, die ihm neu war.
„Dann lass mich wenigstens meine Sachen packen“, stieß er hervor.
„Pack.“
Sophie folgte ihm bis zum Schlafzimmer, blieb jedoch im Türrahmen stehen. Lukas riss den Kleiderschrank auf und begann, T-Shirts in eine Sporttasche zu werfen. Zwei-, dreimal ließ er absichtlich etwas auf den Boden fallen und wartete, ob sie reagierte. Sophie schwieg. Daraufhin zog er eine Kommodenschublade auf.
„Wo sind meine Unterlagen?“
„In der blauen Mappe auf dem zweiten Regalbrett. Ich habe sie nicht angerührt.“
Er fand die Mappe und stopfte sie in die Tasche. Dann drehte er sich um.
„Gibst du mir Geld?“
Sophie sah ihn so ruhig an, dass ihm selbst klar werden musste, wie erbärmlich diese Frage nach allem klang, was er eben von sich gegeben hatte.
„Nein.“
„Du setzt mich also ohne einen Cent vor die Tür?“
„Du bist ein erwachsener Mann, der seine Frau vor Freunden als dumme Schafskuh beschimpft hat. Beweis dir selbst, dass du nicht von ihr abhängig bist.“
Seine Lippen zuckten, doch er schluckte die Antwort herunter. Aus dem Nachttisch nahm er ein Ladekabel, einen Rasierer, ein paar Socken und seinen Ausweis. Danach griff er nach der Schachtel mit den Uhren.
„Die gehören mir.“
„Die Uhr habe ich dir geschenkt. Nimm sie mit. Ich brauche sie nicht.“
Offenbar hatte er auf Streit gehofft. Er suchte einen Haken, irgendetwas, woran er sich festbeißen konnte. Sophie aber hatte nicht vor, wegen Gegenständen zu kämpfen, die für sie keine Bedeutung mehr hatten. Ihr Ziel war schlicht: Lukas aus der Wohnung bekommen, statt sich in kleinen Nebenschauplätzen zu verlieren.
Nach etwa zwanzig Minuten war die Tasche vollgestopft. Lukas ging in den Flur, zog die Schuhe an und blieb vor der Wohnungstür stehen.
„Die Schlüssel“, sagte Sophie.
Er verzog den Mund.
„Träum weiter.“
Sophie nahm erneut das Handy in die Hand.
„Lukas.“
„Dann nimm doch deine verdammten Schlüssel, erstick dran.“
Er riss den Bund aus der Tasche und schleuderte ihn auf die kleine Kommode. Sophie hob ihn nicht sofort auf. Zuerst prüfte sie: Schlüssel für das obere Schloss, für das untere, für den Briefkasten. Alles war da.
„Morgen lasse ich einen Schlosser kommen und die Schlösser austauschen“, sagte sie. „Nicht, weil ich dafür irgendeine Erlaubnis bräuchte. Sondern weil ich nicht weiß, ob du Kopien gemacht hast.“
„Du hältst mich also schon für einen Dieb?“
„Ich halte dich für jemanden, der seine Frau öffentlich demütigt und sie danach um Geld für den Weg bittet. Vertrauen gibt es nicht mehr.“
Lukas riss die Tür auf.
„Du wirst noch angekrochen kommen. Mal sehen, wie lange du ohne mich klarkommst.“
Sophie sah ihn unbewegt an.
„Lukas, in den letzten Jahren haben wir eher das Gegenteil überprüft.“
Er stürmte ins Treppenhaus. Die Tür fiel hinter ihm zu. Sophie drehte den Schlüssel im Schloss, legte die Handfläche gegen das kühle Türblatt und blieb für einige Sekunden einfach stehen. Sie zitterte nicht, weinte nicht, lief nicht planlos durch die Wohnung. Nur ihr Körper begann jetzt nachzuholen, was geschehen war: Die Finger wurden schwer, die Schultern fühlten sich an, als hätte jemand Blei hineingegossen, und in ihrem Mund breitete sich ein trockener, metallischer Geschmack aus. Sie ging in die Küche, füllte ein Glas mit Wasser und trank in kleinen Schlucken.
Dann öffnete sie das Fenster weiter. Sommerluft strömte herein, zusammen mit dem Rauschen der Autos, dem Geruch von heißem Asphalt und einem fernen Hundebellen.
Sophie ließ den Blick durch das Wohnzimmer wandern. Auf dem Tisch standen noch Teller und Gläser, daneben geschnittenes Gemüse, unberührte Trauben und zerknitterte Servietten. Vor einer Stunde hatte all das noch wie die Kulisse eines gewöhnlichen Familienabends gewirkt. Jetzt sah es aus wie der Ort, an dem ein viel zu lange hinausgezögerter Fehler endlich zu Ende gegangen war.
Sie räumte nicht sofort auf. Zuerst machte sie Fotos vom Tisch und von der Mappe mit den Dokumenten.
