…weil ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn sie einem genommen wird.
In seinem Blick lag keine Verstellung. Ich sah einen Mann, gezeichnet von Fehlern, aber gefestigt durch das, was er überstanden hatte.
Meine Verwandtschaft reagierte mit offener Empörung. Cousins und Cousinen, die seit Jahrzehnten verschwunden gewesen waren, meldeten sich plötzlich lautstark zu Wort. Besonders Clara Heinemann fuhr mich an:
„Ein einfacher Kassierer an unserer Stelle? Hast du den Verstand verloren?“
Ich blieb ruhig und entgegnete:
„Blutsverwandtschaft schafft noch keine Familie. Mitgefühl schon.“
Später legte ich Daniel Kroner alle Karten offen auf den Tisch: die Verkleidung, das Testament, die Drohungen, sogar die Recherche zu seiner Vergangenheit. Er hörte aufmerksam zu, ohne mich zu unterbrechen, und sagte dann leise:
„Ihr Vermögen will ich nicht, Herr Albrecht. Wenn Sie mir alles überschreiben, wird Ihre Familie mich jagen. Das brauche ich nicht. Mir ging es nur darum zu zeigen, dass es noch Menschen gibt, denen andere nicht gleichgültig sind.“
Ratlos fragte ich ihn, was er an meiner Stelle tun würde.
Daniel überlegte kurz und antwortete:
„Gründen Sie eine Stiftung. Sorgen Sie dafür, dass Hungernde Essen bekommen. Geben Sie Menschen eine zweite Chance, so wie man sie mir gegeben hat. Das wäre ein Vermächtnis, das zählt.“
Ich folgte seinem Vorschlag.
Ich überführte alles, was ich besaß – Filialen, Kapital, Besitz – in die Friedrich-Albrecht-Stiftung für menschliche Würde. Lebensmittelbanken entstanden, Stipendienprogramme wurden aufgelegt, Notunterkünfte eröffnet. Daniel Kroner setzte ich als lebenslangen Geschäftsführer ein.
Als ich ihm die beglaubigten Unterlagen reichte, flüsterte er bewegt:
„Mein Vater sagte immer: Charakter zeigt sich, wenn niemand zusieht. Sie haben das gerade bewiesen. Ich werde dafür sorgen, dass Ihr Name für Mitmenschlichkeit steht.“
Ich bin neunzig Jahre alt und weiß nicht, wie viel Zeit mir bleibt. Doch ich werde diese Welt in Frieden verlassen.
Denn meinen Erben habe ich gefunden – nicht durch Blut oder Reichtum, sondern in einem Menschen, der einem Fremden mit Respekt begegnete, ohne eine Gegenleistung zu erwarten.
Und falls Sie sich fragen, ob Güte in dieser Welt noch Platz hat, dann behalten Sie Daniels Worte im Herzen:
„Es geht nicht darum, wer andere sind. Es geht darum, wer Sie selbst sind.“
