„Ich habe nein gesagt.“
Jeder Schritt fühlte sich an, als würde ich durch einen Gerichtssaal gehen – angeklagt an genau dem Ort, den ich einst aus dem Nichts erschaffen hatte. Die Regale, das Licht, der Boden unter meinen Füßen: Alles trug meine Handschrift, und doch war ich hier nur ein Störfaktor.
Dann fiel der Satz, der tiefer traf, als ich erwartet hatte:
„Mein Herr, Sie müssen das Gebäude verlassen. Die Kundschaft beschwert sich.“
Vor mir stand Jonas Reichenbach, der Filialleiter. Ich erinnerte mich genau an den Tag, an dem ich ihn befördert hatte – Jahre zuvor, nachdem er bei einem Brand mutig eine ganze Lieferung gerettet hatte. Jetzt musterte er mich mit professioneller Kälte, als hätte es diese Vergangenheit nie gegeben.
„Menschen von Ihrer Sorte sind hier nicht erwünscht.“
Ihre Sorte.
Dabei war ich der Mann, der sein Gehalt ermöglicht hatte. Seine Prämien. Seine Karriere.
Ich biss die Zähne zusammen, drehte mich um und beschloss zu gehen. Mehr musste ich mir nicht antun.
In diesem Moment legte sich eine Hand auf meine Schulter.
Sandwich
Ich zuckte zusammen. Kaum jemand berührt einen Menschen, der aussieht, als hätte er kein Zuhause.
Der Mann war jung, vielleicht Anfang dreißig. Das Hemd zerknittert, die Krawatte abgewetzt, in den Augen lag eine Müdigkeit, die nicht vom heutigen Tag stammte. Auf seinem Namensschild stand: Daniel Kroner – Assistenz der Verwaltung.
„Kommen Sie bitte mit“, sagte er leise. „Ich kümmere mich darum, dass Sie etwas essen.“
„Ich habe kein Geld, Junge“, brachte ich heiser hervor.
Sein Lächeln war offen, unverstellt. „Respekt kostet nichts.“
Er führte mich in einen kleinen Nebenraum, schenkte mir heißen Kaffee ein und legte einen verpackten Sandwich vor mich, als wäre es etwas Selbstverständliches. Dann setzte er sich mir gegenüber und sah mir direkt ins Gesicht.
„Sie erinnern mich an meinen Vater“, sagte er nach einer Weile. „Er ist letztes Jahr gestorben. Vietnamveteran. Ein harter Mann. Und er hatte genau diesen Blick … als hätte er zu viel gesehen, um noch überrascht zu sein.“
Er schwieg kurz, dann fügte er hinzu:
„Ich kenne Ihre Geschichte nicht, Sir. Aber Sie haben Wert. Lassen Sie sich das hier von niemandem nehmen.“
Mir schnürte es die Kehle zu. Ich starrte das Sandwich an, als läge pures Gold vor mir. Für einen Augenblick war ich kurz davor, ihm zu sagen, wer ich wirklich war.
Doch die Prüfung war noch nicht vorbei.
An diesem Tag verließ ich das Gebäude, die Tränen verborgen unter Staub, Geruch und Verkleidung. Niemand hielt mich auf, niemand fragte nach meinem Namen – und genau das bereitete den Boden für das, was als Nächstes kommen musste.
