In dieser Nacht bereitete Sebastian keinen Tee zu. Er blieb einfach neben Greta sitzen, ihre Finger fest in seinen verschränkt. Und zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit lag zwischen ihnen keine Leere. Denn auch wenn Greta schwieg, war da etwas Neues: Sebastian nahm sie wahr.
Er spürte ihre Angst im unruhigen Rhythmus ihres Atems. Er las Vergebung in ihrem Blick. Und in dem leichten Druck ihrer Hand erkannte er, wie sehr sie ihn brauchte.
Und Greta … Greta begriff in diesem Moment, zum ersten Mal seit dreißig Jahren, dass Sebastian wirklich da war. Nicht nur anwesend. Nicht nur im Raum. Sondern bei ihr. Bei ihnen.
Am nächsten Morgen brachte Sebastian ihr etwas. Ein Heft. Schlicht, mit unbeschriebenen, hellen Seiten.
„Der Arzt meinte“, begann er leise, beinahe vorsichtig, „dass es sein kann … dass du vielleicht nie wieder sprechen wirst.“ Er schluckte. „Aber das ist nicht das Ende. Du kannst schreiben. Deine rechte Hand ist stark. Und ich … ich werde lernen, dich so zu lesen.“
Greta nahm das Heft entgegen, öffnete es zögernd. Sebastian legte ihr einen Stift in die Hand.
„Schreib irgendetwas“, sagte er sanft. „Ganz egal was.“
Doch Greta schüttelte den Kopf. Die Leere vor der ersten Zeile war zu groß. Sie wusste nicht, wo ein Anfang sein sollte.
„Dann fange ich an“, meinte Sebastian schließlich. Er zog das Heft zu sich und schrieb langsam, Buchstabe für Buchstabe:
„Ich liebe dich. Und es tut mir leid, dass ich dich dreißig Jahre lang nicht wirklich gesehen habe.“
Greta las die Worte. Tränen lösten sich und liefen über ihr Gesicht. Mit zitternder Hand nahm sie den Stift und antwortete:
„Ich kann nicht sprechen. Aber zum ersten Mal hörst du mich.“
Sebastian las, lachte leise durch seine Tränen hindurch.
„Ja“, sagte er. „Jetzt höre ich dich.“
Von diesem Tag an schrieben sie sich jeden Abend. Keine langen Briefe. Nur wenige Zeilen. Manchmal nur ein Wort. Doch jedes einzelne wog schwer.
Und Greta verstand: Der Schlaganfall hatte ihr nicht die Stimme geraubt. Er hatte ihr Sebastian geschenkt. Wirklich.
Denn manchmal verdecken Worte das Wesentliche.
Und wenn sie verschwinden, sieht man endlich den Menschen.
Greta konnte nicht sprechen. Aber nach dreißig Jahren hörten sie einander endlich.
Und das … das veränderte alles.
