Du musst erst lernen, wirklich zuzuhören.
„Ich weiß“, sagte Sebastian Böhm, und in seiner Stimme lag etwas Brüchiges, das Greta Winter sofort als Weinen erkannte. „Ich weiß, Philipp. Und ich verabscheue mich jeden einzelnen Tag dafür. Denn … weil ich drei Jahrzehnte vergeudet habe. Dreißig Jahre, in denen deine Mutter gesprochen hat und ich innerlich längst woanders war. Und jetzt … jetzt, wo sie keine Worte mehr findet … höre ich sie plötzlich. Zum ersten Mal richtig.“
Es wurde still. Greta nahm wahr, wie Sebastian tief Luft holte, als müsse er sich sammeln.
„Der Arzt meinte“, fuhr er leise fort, „es könne sein, dass die Sprache vielleicht … vielleicht nie zurückkommt. Dass diese Aphasie bleiben könnte. Und weißt du, was mir in diesem Moment durch den Kopf ging?“
Philipp schwieg.
„Ich hatte Angst“, gab Sebastian zu. „Aber nicht aus dem Grund, den du vermutest. Ich fürchtete mich nicht davor, dass deine Mutter nicht mehr sprechen kann. Ich hatte Angst davor, dass die Worte eines Tages zurückkehren – und ich sie dann wieder verliere. Dass sie erneut redet und ich wieder nicht zuhöre. Dass weitere dreißig Jahre vergehen und ich sie am Ende noch immer nicht kenne.“
Greta konnte es nicht mehr halten. Ein ersticktes Schluchzen entwich ihr, leise, unkontrollierbar.
„Papa, hörst du das?“, fragte Philipp plötzlich. „Da weint jemand.“
„Greta“, flüsterte Sebastian, und sie hörte, wie er hastig aufstand. „Philipp, ich rufe dich gleich zurück.“
Er beendete das Gespräch, kam aus der Küche und blieb im Wohnzimmer stehen. Sein Blick fiel auf Greta. Tränen liefen über ihr Gesicht.
„Greta …“, begann er zögernd. „Seit wann … seit wann hörst du das alles?“
Sie sah zu ihm auf und antwortete nicht mit Worten. Ihr Blick sagte: von Anfang an. Alles.
Sebastians Augen füllten sich. Er setzte sich neben sie auf das Sofa und nahm ihre Hand.
„Es tut mir leid“, sagte er stockend. „Dass ich so lange gebraucht habe. Dass ich erst jetzt lerne … lerne, dich wirklich zu hören.“
Greta schüttelte den Kopf. Eine Entschuldigung war es nicht, was sie suchte. Sie wollte etwas sagen, so dringend. Die Sätze waren da, klar in ihrem Inneren, doch sie fanden keinen Weg nach draußen. Stattdessen kamen nur Tränen.
Sebastian beugte sich vor, legte seine Stirn an ihre.
„Ich weiß, was du mir sagen willst“, hauchte er. „Ich sehe es.“
