«Nach dreißig Jahren habe ich zum ersten Mal das Gefühl, deine Mutter wirklich zu kennen» — gesteht Sebastian am Telefon, die Stimme brüchig und voller Reue

Ergreifend und schmerzhaft: Endlich wird wirklich zugehört.
Geschichten

Greta Winter saß auf dem Sofa, die Finger ineinander verschränkt und reglos im Schoß abgelegt. Der Fernseher lief, Bilder flimmerten, Stimmen erklangen – doch sie nahm nichts davon wirklich auf. Sie hörte nicht zu. Sie verstand den Inhalt nicht. Trotzdem blieb ihr Blick auf dem Bildschirm haften, einfach weil sie nicht wusste, womit sie diese Zeit sonst füllen sollte.

Es waren inzwischen drei Monate vergangen, seit sie aus dem Krankenhaus nach Hause zurückgekehrt war. Drei Monate, seit der Schlaganfall ihr Leben aus den Angeln gehoben hatte. Ihr rechter Arm gehorchte ihr. Der linke ebenfalls. Auch ihre Beine trugen sie. Nur die Sprache … die Sprache war wie ausgelöscht.

Aphasie, hatte der Arzt gesagt. Du begreifst, was man dir sagt. Aber du kannst keine Worte mehr formen.

Greta begriff alles. Jedes einzelne Wort. Sie hörte, wie Sebastian Böhm morgens am Telefon erklärte, dass er erneut nicht zur Arbeit kommen könne, weil Greta nicht allein bleiben dürfe. Sie hörte ihren Sohn Philipp Beck, wenn er zu Besuch kam und leise fragte: „Papa, wie lange hältst du das noch durch?“ Sie hörte Sebastian abends neben ihr auf dem Sofa einschlafen und im Halbschlaf murmeln, dass er erschöpft sei.

Nichts entging ihr.

Nur antworten konnte sie nicht.

Sebastian war in der Küche, irgendetwas klirrte. Wahrscheinlich bereitete er Tee zu. Jeden Abend tat er das. Danach setzte er sich zu ihr, nahm ihre Hand und fragte mit sanfter Stimme: „Geht es dir?“ Und Greta nickte. Was blieb ihr anderes übrig?

An diesem Abend jedoch, während Sebastian zwischen Herd und Arbeitsfläche hin- und herging, klingelte das Telefon. Philipp. Greta hörte, wie Sebastian abnahm.

„Hallo, mein Junge“, sagte er gedämpft und setzte sich an den Küchentisch.

Greta drehte den Kopf. Die Tür stand offen. Sebastian ahnte nicht, dass jedes Wort zu ihr drang.

„Wie geht es Mama?“, fragte Philipp, und Greta spürte, wie ihr Herz schneller schlug.

Jetzt kommt es, dachte sie. Jetzt sagt er, dass er nicht mehr kann.

Doch Sebastian sagte etwas anderes.

„Es geht ihr besser“, antwortete er leise. „Körperlich … körperlich fast wieder ganz stabil. Aber … sie spricht noch immer nicht.“

Es folgte eine Pause. Greta hörte, wie Sebastian tief Luft holte, und in diesem Moment begann er weiterzusprechen, ohne zu wissen, dass jedes Wort sie wie ein leiser Vorbote dessen traf, was noch kommen sollte.

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