Lina stieß ein kurzes, bitteres Lachen aus.
— Brigitte Hoffmann? Die Frau, die ihr ganzes Leben lang auf Kosten ihres Mannes gelebt hat? Ja, eine hervorragende Ratgeberin, ohne Frage. Aber die Zeiten haben sich geändert, Konrad. Frauen von heute sind nicht dazu da, gesunde Männer durchzufüttern.
— Lina, warte doch! — Er packte sie am Arm, die Stimme plötzlich weich. — Lass uns ruhig darüber reden. Ich finde eine Arbeit, wirklich. Ich ändere mich. Gib mir noch eine letzte Chance!
Sie löste seine Finger ohne Hast von ihrem Handgelenk.
— Noch eine Chance? Konrad, du hattest ein halbes Jahr Zeit. Statt Bewerbungen zu schreiben, hast du auf dem Sofa gelegen und mir vorgeworfen, ich würde zu wenig verdienen. Und letzten Donnerstag hast du mir sogar mit Scheidung gedroht, falls ich keinen „anständigen Job“ finde.
— Das habe ich nicht ernst gemeint! — Er schüttelte verzweifelt den Kopf. — Ich war einfach überfordert. Du weißt doch, dass ich dich liebe!
— Liebe? — Lina zog die Stirn kraus und musterte ihn ruhig. — Eine merkwürdige Form davon. Wer liebt, droht nicht mit Trennung, sondern sucht gemeinsam nach Lösungen.
Konrad begriff, dass sie ihre Entscheidung längst getroffen hatte. Panik färbte sein Gesicht rot.
— In Ordnung, ich nehme jede Arbeit an! Lager, Straßenreinigung, völlig egal! Hauptsache, du wirfst mich nicht raus!
— Zu spät — entgegnete Lina gefasst. — Der Entschluss steht. Gib mir den Schlüssel. Wenn nicht, wird morgen das Schloss ausgetauscht.
Einen Moment lang blieb er regungslos stehen, die Schlüssel fest in der Faust verkrallt. Dann legte er sie mit zögernder Bewegung auf die Türschwelle.
— Das wirst du bereuen — knurrte er. — Ohne mich bist du verloren. Wer hilft dir, wenn etwas passiert?
Lina klatschte einmal leise in die Hände.
— Helfen? Konrad, seit Monaten hast du die Probleme nur vermehrt. Ab jetzt bestimme ich selbst über mein Leben.
Er hob die Taschen auf, warf sie sich über die Schulter und ging unsicher Richtung Aufzug. An der Tür drehte er sich noch einmal um.
— In einer Woche komme ich zurück. Dann ist dein Zorn verraucht, und du merkst, welchen Fehler du machst.
— Komm nicht wieder — antwortete Lina ruhig. — In einer Woche meldet sich das Gericht bei dir.
Die Aufzugtüren schlossen sich und nahmen Konrad mitsamt seinem Gepäck mit — und mit all den großen Plänen, die nie Realität geworden waren. Lina trat in die Wohnung, verriegelte jedes Schloss sorgfältig und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand.
Stille. Nach zwei Jahren Ehe herrschte zum ersten Mal echte Ruhe. Kein dröhnender Fernseher, kein Zuschlagen von Schranktüren, kein Gemecker über das Essen. Man konnte einfach existieren — ohne sich ständig nach der Unzufriedenheit eines anderen richten zu müssen.
Lina ging langsam durch die Räume und ließ den neuen Zustand auf sich wirken. Ohne Konrad wirkte alles größer, luftiger. Keine herumliegenden Socken, Bücher ordentlich im Regal, im Bad hing nur noch ein einziges Handtuch.
Am Abend erschien Brigitte Hoffmann. Die Schwiegermutter klingelte Sturm und verlangte eine Erklärung.
— Lina, mach sofort auf! Was für eine Schande! Mein Sohn ist weinend nach Hause gekommen!
— Brigitte Hoffmann — erwiderte Lina durch die geschlossene Tür —, Ihr Sohn ist ein erwachsener Mann. Er muss Verantwortung für sein eigenes Verhalten übernehmen.
— Wie kannst du es wagen, deinen Mann vor die Tür zu setzen? — empörte sich die Frau. — Das ist widernatürlich! Eine Ehefrau hat die Familie zu unterstützen!
— Zwei Jahre lang habe ich das getan — sagte Lina trocken. — Jetzt ist er selbst dran.
Noch eine ganze Weile polterte und schimpfte die Schwiegermutter, doch Lina öffnete nicht. Eine Frau, die nie gearbeitet hatte und stets von Männern abhängig gewesen war, konnte die Entscheidung einer selbstständigen Frau kaum nachvollziehen.
Einen Monat später kam die Ladung zum Gerichtstermin. Konrad erschien nicht. Stattdessen reichte er seine Zustimmung zur Scheidung ein. Offenbar hatte er eingesehen, dass Widerstand sinnlos war. Die Wohnung war aus Linas Einkommen bezahlt worden, der Kredit lief vollständig auf ihren Namen, gemeinsames Vermögen gab es nicht.
Der Richter stellte keine weiteren Fragen und gab der Klage statt. Zehn Tage später hielt Lina den Scheidungsbeschluss in den Händen.
Am selben Abend blieb sie nach der Arbeit einen Moment am Fenster stehen und blickte auf die herbstliche Stadt hinaus. Im Licht der Straßenlaternen wirbelten Blätter, feiner Regen lag in der Luft. Innerhalb eines Monats war ein Leben zu Ende gegangen — und ein neues hatte begonnen.
Sie musste nicht mehr zwei Jobs machen, um einen gesunden Mann zu finanzieren. Ihr Hauptberuf reichte vollkommen. Endlich blieb Zeit für eigene Interessen. Vielleicht würde sie sich sogar für einen Führerschein anmelden — ein Traum aus Studientagen.
Lina kochte sich Tee, setzte sich in den geliebten Sessel am Fenster und schlug ein Buch auf. Frieden und Ruhe erfüllten die Wohnung. Niemand drohte mehr mit Scheidung, weil die Ehefrau angeblich „zu wenig verdiente“.
Ihr Leben gehörte nun allein ihr.
