„Such dir endlich eine anständige Arbeit, sonst lasse ich mich scheiden!“ — kreischte der arbeitslose Ehemann und zog sich im nächsten Moment feige zu seiner Mutter zurück

Endlich frei von seiner erbärmlichen Selbstsucht.
Geschichten

Dass sie das überhaupt so lange ausgehalten hatte, erschien ihr im Nachhinein absurd. Ein erwachsener Mann, der den ganzen Tag nichts tat, außer zu klagen, Ansprüche zu stellen und sich bemitleiden zu lassen – warum sollte sie das ertragen? Wegen eines Stempels im Pass? Wegen einer Formalität, die Ehe hieß?

Schon an ihrem ersten Arbeitstag nach dem Streit fiel den Kolleginnen auf, dass mit Lina König etwas anders war als sonst. Normalerweise wirkte sie erschöpft, zurückgezogen, fast unsichtbar. Heute jedoch kam sie mit geradem Rücken, klarem Blick und einer Ruhe, die man ihr lange nicht mehr angesehen hatte.

— Lina, du siehst heute richtig… leicht aus — bemerkte Katrin Sommer, die Schwester, mit der sie häufig Dienst hatte. — Ist irgendetwas Besonderes passiert? Hat dein Mann endlich eine Stelle gefunden?

Lina lächelte nur schwach, beinahe amüsiert.

— Nein, Katrin. Mein Mann hat mir mit Scheidung gedroht. Und weißt du was? Zum ersten Mal dachte ich: Vielleicht ist das gar keine schlechte Idee.

Katrins Augen wurden groß.

— Meinst du das ernst? Und was ist mit der Wohnung? Mit dem Kredit?

— Was soll mit der Wohnung sein? — Lina zuckte gelassen mit den Schultern. — Den Kredit zahle ich allein, alles läuft auf meinen Namen. Er kann sich gern jemand anderen suchen, der ihn durchfüttert.

Den restlichen Tag spielte Lina gedanklich jede Möglichkeit durch. Sie überlegte, rechnete, wog ab. Am Abend war aus den losen Gedanken eine feste Entscheidung geworden. Nach der Spätschicht ging sie nicht nach Hause, sondern in einen rund um die Uhr geöffneten Copyshop. Dort ließ sie Kopien von allem anfertigen, was wichtig war: ihren Ausweis, die Heiratsurkunde, sämtliche Unterlagen zur Wohnung, Einkommensnachweise.

Am nächsten Morgen tat sie etwas, das sie viel zu lange aufgeschoben hatte. Statt zur Arbeit fuhr sie zu einem Anwalt. Heinrich Braun, ein älterer Herr mit randloser Brille und ruhiger Stimme, hörte sich ihre Geschichte aufmerksam an, ohne sie ein einziges Mal zu unterbrechen.

— Also gut — sagte er schließlich und nickte. — Gemeinsames Vermögen gibt es außer der Wohnung nicht? Keine Kinder?

— Nein. Die Wohnung ist kreditfinanziert, die Raten zahle ausschließlich ich. Konrad arbeitet seit einem halben Jahr überhaupt nicht.

— Dann ist die Lage eindeutig — erklärte Heinrich Braun sachlich. — Eine Scheidung über das Gericht dauert in der Regel ein bis anderthalb Monate. Wir reichen den Antrag wegen unzumutbarer Fortsetzung der Ehe ein. Die Wohnung bleibt bei Ihnen, da Sie allein die finanzielle Last tragen.

Der Anwalt setzte das Schreiben auf, erklärte den Ablauf, nannte die Gebühren. Lina unterschrieb ohne Zögern und zahlte die Anzahlung. Keine Stunde später waren die Unterlagen bereits beim zuständigen Amtsgericht eingereicht.

Auf dem Heimweg hatte Lina das Gefühl, eine schwere Tür hinter sich geschlossen zu haben. Etwas war endgültig in Bewegung geraten, und diesmal würde sie es nicht mehr aufhalten. Konrad ließ sich weiterhin nicht blicken. Wahrscheinlich saß er bei seiner Mutter, schmollte und wartete darauf, dass seine Frau ihn reumütig zurückrufen würde.

Doch der Anruf blieb aus.

Lina lebte ruhig weiter. Sie ging zur Arbeit, hielt die Wohnung ordentlich, kochte abends für sich allein. Niemand ließ den Fernseher bis spät in die Nacht laufen, niemand verteilte seine Sachen in allen Zimmern, niemand beschwerte sich über Langeweile oder fehlende Aufmerksamkeit.

Am vierten Tag hielt Konrad es offenbar nicht mehr aus. Am Samstagmorgen klingelte es. Lina öffnete die Tür und sah ihn vor sich stehen: zerknittert, mit schuldbewusstem Blick. In der Hand hielt er einen Strauß welker Chrysanthemen, offensichtlich hastig an einem Kiosk gekauft.

— Hallo, Lina — sagte er und zwang sich zu einem Lächeln. — Tut mir leid wegen neulich. Ich habe mich gehen lassen, Dinge gesagt, die ich nicht so meinte. Die Arbeitslosigkeit macht mich fertig, ich bin einfach nervös.

Lina blieb im Türrahmen stehen und machte keine Anstalten, ihn hereinzubitten. Konrad streckte ihr die Blumen entgegen.

— Lass uns das nicht so stehen lassen. Wir lieben uns doch. Jede Ehe hat schwierige Phasen. Ich habe verstanden, wie schwer es für dich ist. Ich helfe mehr im Haushalt, wirklich, versprochen.

— Konrad — sagte Lina ruhig —, deine Sachen sind bereits gepackt.

Er blinzelte verwirrt.

— Meine Sachen? Wovon redest du?

Ohne ein weiteres Wort ging Lina in den Flur und kam mit zwei großen Sporttaschen zurück. Konrad starrte sie fassungslos an.

— Lina, was soll das? Ich habe mich entschuldigt! Ich habe dir Blumen mitgebracht!

— Kleidung, Dokumente, persönliche Dinge — zählte sie nüchtern auf, während sie die Taschen über die Schwelle schob. — Du gibst mir den Wohnungsschlüssel und lebst, wo immer du möchtest.

— Bist du verrückt geworden?! — fuhr Konrad sie an und hob die Stimme. — Das ist auch meine Wohnung! Ich bin dein Mann, ich habe ein Recht, hier zu wohnen!

— Dein Mann? — Lina zog eine Augenbraue hoch. — Ein Mann, der seit Monaten von seiner Frau lebt und trotzdem Forderungen stellt? Wer zahlt den Kredit? Die Nebenkosten? Das Essen?

— Aber wir sind verheiratet! — jammerte Konrad. — Du kannst mich nicht einfach rauswerfen!

Lina griff in ihre Jackentasche und zog ihren Schlüssel hervor.

— Gib ihn mir.

— Niemals! — Er verschränkte trotzig die Arme. — Dazu hast du kein Recht!

— Gut — sagte Lina und nickte kühl. — Dann kommt morgen ein Schlüsseldienst und tauscht die Schlösser aus. Und in einer Woche erhältst du die Ladung vom Gericht.

Konrads Gesicht verlor schlagartig jede Farbe.

— Welche Scheidung? Lina, bist du noch ganz bei dir? Meine Mutter hat gesagt, du würdest dich wieder beruhigen und dich entschuldigen…

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