„Such dir endlich eine anständige Arbeit, sonst lasse ich mich scheiden!“ — kreischte der arbeitslose Ehemann und zog sich im nächsten Moment feige zu seiner Mutter zurück

Endlich frei von seiner erbärmlichen Selbstsucht.
Geschichten

Lina brach in Gelächter aus – doch es klang schrill, fahrig, fast schon nervös, als würde es ihr selbst weh tun.

— Von der Anspannung? — presste sie hervor. — Konrad, meinst du das ernst? Ich stehe morgens um sechs auf, komme abends gegen elf zurück, und du bist erschöpft, weil du den Tag auf dem Sofa verbracht hast?

— Hör auf, mich anzuschreien! — brüllte er zurück und ging einen Schritt auf sie zu. — Ich bin der Mann im Haus, der Familienvorstand! Du bist meine Frau, also solltest du Respekt zeigen und mich unterstützen, statt ständig Streit anzufangen!

— Unterstützen? — Ihre Stimme überschlug sich. — Wen genau unterstütze ich hier eigentlich? Wer bezahlt diese Wohnung? Wer kauft das Essen? Wer überweist die Rechnungen jeden Monat?

— Du taugst nicht als Ernährerin! — schrie Konrad und fuchtelte wild mit den Armen. — Eine richtige Ehefrau würde mehr verdienen! Und du? Du schrubbst Böden für ein paar lächerliche Euro!

In Lina zog sich alles zusammen. Kränkung und Wut vermischten sich zu einem brennenden Knoten in ihrer Brust. Dieser Mann, der seit einem halben Jahr von ihrem Geld lebte, wagte es tatsächlich, ihr vorzuwerfen, sie trage nicht genug?

— Mehr verdienen? — fragte sie leise, fast tonlos. — Und was schlägst du vor? Sag mir doch, wo ich ohne Beziehungen und ohne besondere Erfahrung einen Job mit mehreren Tausend Euro finden soll.

— Das ist nicht mein Problem! — schrie Konrad. — Kümmer dich darum! Such dir endlich eine anständige Arbeit, sonst lasse ich mich scheiden!

Die Worte hingen schwer im Raum. Lina stand wie erstarrt da, blinzelte mehrmals und versuchte zu begreifen, was sie gerade gehört hatte. Ein Mann, der keinen einzigen Tag arbeitete und von ihrem Einkommen lebte, drohte ihr mit Scheidung – weil sie angeblich zu wenig verdiente?

Für einen kurzen Moment wirkte Konrad selbst erschrocken über seine Drohung, doch der Rückzug kam zu spät. Er riss die Tür auf und schlug sie hinter sich zu, so heftig, dass die Scheiben klirrten. Lina hörte seine hastigen Schritte im Treppenhaus und wenig später das Zuschlagen der Haustür.

Sie blieb stehen, legte den Kopf schief und versuchte, die Szene zu ordnen. Zum ersten Mal seit Monaten breitete sich Stille in der Wohnung aus. Kein laufender Fernseher, kein genervtes Nörgeln, kein Klirren von absichtlich fallen gelassenem Geschirr.

Ein schwaches Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie ging in die Küche und stellte den Wasserkocher an. Konrad war mit Sicherheit zu seiner Mutter unterwegs. Brigitte Hoffmann wohnte nur ein paar Straßen weiter und war stets bereit, ihren „armen Jungen“ zu bemitleiden, während sie Lina für alles verantwortlich machte. Die Frau hatte nie gearbeitet, lebte jahrzehntelang auf Kosten ihres Mannes und war fest davon überzeugt, dass es die Pflicht einer Ehefrau sei, dem Gatten zu dienen und dankbar zu sein, überhaupt an seiner Seite stehen zu dürfen.

Lina goss sich einen starken schwarzen Tee auf und setzte sich an den Tisch. Das Gefühl überraschte sie selbst: Erleichterung. Keine Vorwürfe, keine Rechtfertigungen, keine Entschuldigungen für ihre Erschöpfung. Nur Ruhe – und Zeit zum Nachdenken.

Und Nachdenken war dringend nötig. Die Drohung mit der Scheidung war nicht neu. Konrad griff immer dann darauf zurück, wenn Lina es wagte, sein Nichtstun anzusprechen. Früher hatte es gewirkt. Sie bekam Angst, entschuldigte sich und versprach, sich noch mehr anzustrengen. Doch diesmal, beim Klang derselben altbekannten Worte, stellte sich plötzlich eine andere Frage: Was war eigentlich so schlimm an einer Scheidung?

Was würde sie verlieren? Einen Mann, der nicht arbeitete, im Haushalt nichts tat und nur forderte? Jemanden, der ihr vorwarf, sich zu Tode zu schuften? Eine angebliche Stütze, die lieber drohte, statt selbst Verantwortung zu übernehmen?

Lina trank den letzten Schluck Tee und begann abzuwaschen. Morgen würde Konrad zurückkommen – mit geröteten Augen, reumütigen Worten und großen Versprechen. Er würde behaupten, alles sei im Affekt passiert, er liebe sie und könne nicht ohne sie leben. Brigitte Hoffmann hatte ihm sicher längst erklärt, wie man sich entschuldigt und die Ehefrau wieder einwickelt.

Doch eine innere Stimme sagte Lina, dass diesmal nichts mehr so sein würde wie zuvor. Zu viel hatte sich angestaut, zu offensichtlich war die Ungerechtigkeit geworden. Zwei Jobs, ein erwachsener Mann auf ihre Kosten und dazu ständige Vorwürfe? Nein. Es reichte.

Sie räumte auf, ging duschen und legte sich schlafen. Ein neuer Tag würde kommen – und vielleicht mit ihm ein ganz anderes Leben.

Noch vor dem Klingeln des Weckers wachte Lina auf. Draußen nieselte es, doch sie war ungewöhnlich gut gelaunt. Zum ersten Mal seit Langem musste sie keine herumliegenden Socken einsammeln, kein Genörgel ertragen und kein Frühstück für zwei Personen vorbereiten.

Bei der Arbeit schweiften ihre Gedanken immer wieder zu dem Streit vom Vorabend zurück. Je öfter sie ihn im Kopf durchging, desto klarer wurde ihr: Einen erwachsenen Mann mitzuversorgen, der weder Verantwortung übernimmt noch Dankbarkeit zeigt, war keine Ehe, sondern eine Last, die sie viel zu lange getragen hatte.

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