«Du bist also wirklich bereit, die Gesundheit deiner Tochter für eine Wohnung zu riskieren, die deine Mutter ausgesucht hat?» — fragt Katrin fassungslos, den Umschlag an die Brust gedrückt

Unverzeihliche Selbstsucht zerstört Vertrauen und Würde.
Geschichten

Er entsperrte das Display, suchte hastig einen Kontakt heraus und tippte auf „Mama“.

„Hallo, Mama? … Sie ist weg. Ja, mit dem Kind. Ja, sie hat das Geld mitgenommen. Was soll ich jetzt tun?“

Noch während er sprach, hörte Katrin Vogel seine Stimme durch das Treppenhaus. Sie war brüchig, kleinlaut, voller Hilflosigkeit – der Ruf eines erwachsenen Mannes, der instinktiv nach der Hand seiner Mutter griff. Katrin zog Mila Roth fester an sich, presste die Wange des Kindes an ihre Schulter und ging schneller die Stufen hinunter, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Draußen schlug ihr kalte Luft entgegen. Ein feiner Regen setzte ein, der Asphalt glänzte bereits. Katrin winkte ein Taxi heran, nannte die Adresse ihrer Eltern und setzte sich auf die Rückbank. Mila kauerte auf ihrem Schoß, halb schlafend, die Augen nur einen Spalt geöffnet.

„Mama … wohin fahren wir?“

Katrin strich ihr sanft übers Haar. „Zu Oma und Opa. Morgen ist ein wichtiger Tag für dich. Die Operation. Alles wird gut, versprochen.“

„Und Papa?“

Ihr Blick glitt über die vorbeiziehenden Lichter der Stadt, die im Regen verschwammen. „Papa bleibt dort.“

Drei Monate später.

Der Innenhof war voller Stimmen und Lachen. Mila rannte über das Pflaster, jagte mit den anderen Kindern einem Ball hinterher, ihre Schritte sicher, ihr Gesicht rosig. Der Eingriff war ohne Komplikationen verlaufen, die Nachsorge abgeschlossen. Aus dem kranken, stillen Mädchen war wieder ein lebendiges, neugieriges Kind geworden.

Katrin saß auf einer Bank und verfolgte jede Bewegung ihrer Tochter. Neben ihr ließ sich ihre Mutter nieder und reichte ihr einen Thermobecher.

„Hat er wieder angerufen?“

Katrin nickte. „Ja. Schon zum fünften Mal diese Woche. Er will, dass wir zurückkommen.“

„Und was hast du gesagt?“

„Dass sich nichts geändert hat. Also nein.“

„Die Wohnung? Haben sie sie inzwischen gekauft?“

Katrin schnaubte leise. „Nein. Der Verkäufer war ein Betrüger. Brigitte Neumann hat die Anzahlung verloren, die sie schon überwiesen hatte. Jetzt sitzen sie wieder zusammen in dieser Einzimmerwohnung. Und streiten sich ständig.“

Ihre Mutter verzog den Mund zu einem knappen Lächeln. „Verdient.“

Katrin nahm einen Schluck Tee, stellte den Becher ab und atmete tief durch. „Weißt du, ich war lange wütend. Auf ihn. Auf seine Mutter. Ich habe mich gefragt, wie Menschen so sein können.“

„Und jetzt?“

„Jetzt bin ich dankbar. Dafür, dass alles so gekommen ist. Dass ich rechtzeitig verstanden habe, worum es wirklich geht. Hätte ich nachgegeben, hätte ich das Geld hergegeben … Mila wäre vielleicht heute noch krank. Und ich hätte mein Leben mit dieser Last verbracht. Mit Menschen, für die ein Kind nicht an erster Stelle steht.“

Ihre Mutter legte ihr die Hand auf den Arm. „Du bist stark, mein Kind. Ich bin stolz auf dich.“

Katrin sah sie an, dann wieder zu Mila, die lachend über den Hof rannte. Gesund. Unbeschwert. Lebendig.

„Ich habe nur getan, was nötig war“, sagte sie leise. „Ich habe mein Kind geschützt. Vor allem. Auch vor seinem eigenen Vater.“

Sie trank den letzten Schluck, stand auf und ging zu ihrer Tochter. Mila entdeckte sie, ließ den Ball liegen und lief auf sie zu, schlang die Arme um ihre Taille.

„Mama, hast du gesehen, wie schnell ich bin?“

Katrin ging in die Hocke und schloss sie fest in die Arme. „Ich sehe es, mein Schatz. Ich sehe alles.“

In ihrem Inneren war kein Platz mehr für Zorn oder Bitterkeit. Nur Ruhe. Die stille Gewissheit eines Menschen, der die richtige Entscheidung getroffen hatte – und das Wertvollste bewahrt hatte, das ihm gehörte.

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