«Du bist also wirklich bereit, die Gesundheit deiner Tochter für eine Wohnung zu riskieren, die deine Mutter ausgesucht hat?» — fragt Katrin fassungslos, den Umschlag an die Brust gedrückt

Unverzeihliche Selbstsucht zerstört Vertrauen und Würde.
Geschichten

Alles, was Katrin früher mit Temperament, Fürsorglichkeit oder dem Hang zur Kontrolle erklärt hatte, ordnete sich in diesem Moment neu. Drei Jahre lang war diese Frau ein selbstverständlicher Teil ihres Alltags gewesen – und doch erkannte Katrin sie erst jetzt wirklich. Was sie so lange beschönigt hatte, zeigte sein wahres Gesicht. Es war nichts anderes als blanker Eigennutz. Unverhüllt, rücksichtslos, erschreckend klar.

„Wo ist Tobias?“, fragte Katrin mit belegter Stimme. „Weiß er, warum Sie hier sind?“

Brigitte Neumann schwieg einen Augenblick, dann nickte sie knapp.
„Natürlich weiß er das. Wir haben gestern darüber gesprochen. Er ist einverstanden. Eigentlich wollte er selbst mit dir reden, aber ich dachte, von Frau zu Frau ist es besser. Du bist doch klug, Katrin. Du wirst verstehen, dass es so für die Familie sinnvoller ist.“

Er ist einverstanden.
Diese zwei Worte trafen Katrin wie ein Schlag. Tobias wusste also Bescheid. Er hatte zugestimmt. Er hatte alles mit seiner Mutter besprochen – nur nicht mit ihr, nicht mit seiner Frau, nicht mit der Mutter seines Kindes.

„Tobias hat zugestimmt, das Geld seiner eigenen Tochter für eine Wohnung zu verwenden?“, wiederholte Katrin tonlos. Keine Wut, kein Zittern – nur Leere.

„Ach hör doch auf mit diesem Theater!“, fuhr Brigitte sie an. „Niemand nimmt irgendwem etwas weg! Wir sind doch eine Familie. In einer Familie teilt man. Deine Eltern haben geholfen – wunderbar. Dann fließt diese Hilfe eben in etwas, wovon alle profitieren. In vernünftigen Wohnraum! Für uns alle!“

„Für alle außer Mila“, sagte Katrin ruhig.

„Jetzt fang nicht schon wieder damit an!“, rief die Schwiegermutter und warf die Hände in die Luft. „Mila ist mein Enkelkind! Glaubst du, mir ist sie egal? Aber ich denke weiter als nur bis morgen! Ein Kind braucht eine ordentliche Wohnung, kein Loch! Sie muss aufwachsen, lernen, leben! Und du fixierst dich nur auf diese eine Operation.“

„Weil es ohne diese Operation vielleicht gar kein Morgen für sie gibt!“, schrie Katrin und sprang auf.

Auch Brigitte erhob sich, richtete sich steif auf.
„Sprich nicht in diesem Ton mit mir! Ich bin älter, ich habe Erfahrung! Ich habe drei Kinder großgezogen, alle ohne diesen medizinischen Luxus – und sie sind gesund! Tobias ist als Kind gestürzt, hat sich den Kopf aufgeschlagen, und schau ihn dir an! Und du bist hysterisch, ständig in Alarmbereitschaft. Auch jetzt übertreibst du maßlos!“

„Verlassen Sie meine Wohnung“, sagte Katrin leise.

„Wie bitte?“ Brigitte starrte sie an.

„Gehen Sie. Aus. Meiner. Wohnung. Sofort.“

„Wie kannst du es wagen?!“, schnaubte Brigitte, ihr Gesicht lief rot an. „Das ist die Wohnung meines Sohnes! Nicht deine! Du bist hier nur geduldet! Wir wollen sehen, wer am Ende wo wohnt, wenn wir eine neue Wohnung kaufen!“

„Gehen Sie, bevor ich die Polizei rufe“, entgegnete Katrin und machte einen Schritt in Richtung Telefon.

Brigitte griff nach ihrer Handtasche, zögerte jedoch noch einen Moment. Ihr Blick war voller offener Feindseligkeit.
„Das wirst du noch bereuen. Tobias ist mein Sohn. Er hört auf mich, nicht auf dich. Das Geld gehört uns am Ende sowieso. Ich werde es ihm sagen – er holt es sich zurück. Oder nimmt es sich hier. Er hat mehr Rechte an dieser Wohnung als du!“

Dann drehte sie sich um und knallte die Tür hinter sich zu.

Katrin blieb mitten im Raum stehen. Ihre Hände zitterten, das Blut rauschte ihr in den Ohren. Ihr Blick fiel auf den Tisch: die Unterlagen, der Umschlag mit dem Geld. Geld, für das ihre Eltern ihr einziges Zuhause belastet hatten. Geld, das Brigitte Neumann ohne Zögern für eine Wohnung für sich und ihren Sohn einplanen wollte.

Für einen Sohn, der zugestimmt hatte.

Zwanzig Minuten später öffnete sich die Tür erneut. Tobias kam herein, sah Katrin auf dem Sofa sitzen, den Umschlag fest in den Händen. Ihr Gesicht war aschfahl, der Mund zu einer schmalen Linie gepresst.

„Hallo“, sagte er vorsichtig. „War meine Mutter hier?“

„Ja“, antwortete Katrin, ohne aufzusehen.

„Ich wollte eigentlich selbst mit dir reden, aber sie…“

„Du hast zugestimmt, das Geld für eine Wohnung zu nehmen“, unterbrach sie ihn. Keine Frage. Eine Feststellung.

Tobias trat ein, warf die Jacke über die Stuhllehne.
„Katrin, lass uns sachlich bleiben. Es ist wirklich ein gutes Angebot. Zwei Zimmer, Neubau, ordentliche Gegend. Hier ist es doch viel zu eng. Die Operation können wir verschieben. Die Ärzte haben nichts dagegen, ein paar Monate zu warten.“

„Ich habe heute mit den Ärzten telefoniert“, sagte Katrin leise. „Sie haben klar gesagt, dass Warten keine Option ist und dass jede einzelne Woche eine entscheidende Rolle spielt.“

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