«Du bist also wirklich bereit, die Gesundheit deiner Tochter für eine Wohnung zu riskieren, die deine Mutter ausgesucht hat?» — fragt Katrin fassungslos, den Umschlag an die Brust gedrückt

Unverzeihliche Selbstsucht zerstört Vertrauen und Würde.
Geschichten

Brigitte Neumann riss die Wohnungstür ohne jedes Anklopfen auf, obwohl direkt daneben die Klingel prangte. In ihren Augen war es unter ihrer Würde, an der Tür ihres Sohnes zu läuten. Schließlich ging es um ihr Kind, ihr eigen Fleisch und Blut – wozu also Höflichkeiten?

Katrin Vogel stand gerade am Tisch und ordnete sorgfältig die Unterlagen: ärztliche Bescheinigungen, Untersuchungsergebnisse, Überweisungen. Am nächsten Morgen mussten sie früh los zur Landesklinik, wo man endlich die Operation ihrer kleinen Mila Roth durchführen wollte. In einem dicken Umschlag lag das Geld – der komplette Betrag, den Katrins Eltern zusammenbekommen hatten, nachdem sie ihr kleines Haus auf dem Land beliehen hatten. Seit Wochen dachte Katrin an nichts anderes mehr: rechtzeitig ankommen, alles bezahlen, ihr Kind retten.

„Ach, Katrinchen, du bist ja da. Gut getroffen“, sagte die Schwiegermutter, marschierte ungefragt ins Wohnzimmer, warf ihre große Tasche auf das Sofa und ließ den Blick prüfend durch den Raum schweifen. „Irgendwie sieht es hier staubig aus. Ist Tobias noch arbeiten?“

„Guten Tag, Frau Neumann“, antwortete Katrin bemüht ruhig. „Ja, Tobias ist noch nicht zurück. Ist etwas passiert?“

Die Frage blieb unbeachtet. Brigitte Neumann trat an den Tisch heran und griff sich ohne zu fragen eines der Papiere.

„Das ist also wegen der Operation? Morgen schon? Aha… na ja, wir werden sehen“, murmelte sie, legte das Blatt zurück und sah Katrin mit einem Ausdruck an, der irgendwo zwischen gönnerhaftem Mitleid und stiller Überheblichkeit lag.

„Was genau wollen Sie denn sehen?“, fragte Katrin angespannt. In der Stimme der Schwiegermutter schwang etwas Unangenehmes mit.

„Setz dich, Katrin. Wir müssen reden.“

„Ich habe wirklich keine Zeit, ich muss noch alles für morgen vorbereiten …“

„Setz dich!“, schnitt Brigitte Neumann ihr scharf das Wort ab. Die aufgesetzte Freundlichkeit war augenblicklich verschwunden. „Es geht um das Geld, das du morgen ausgeben willst.“

Ein eisiger Schauer lief Katrin über den Rücken. Langsam ließ sie sich auf den Stuhl sinken, ohne den Blick von der Frau gegenüber abzuwenden.

„Was meinen Sie damit?“

Brigitte Neumann nahm ihr gegenüber Platz, legte die Hände ordentlich auf die Knie und sprach in dem Tonfall, den Menschen benutzen, wenn sie glauben, eine unumstößliche Wahrheit zu verkünden:

„Das Geld wird anderweitig gebraucht. Genauer gesagt: Tobias und ich brauchen es. Für eine Wohnung.“

Einen Moment lang starrte Katrin sie einfach nur an. Die Worte waren deutsch, und doch ergaben sie keinen Sinn. Eine Wohnung? Welche Wohnung? Und was hatte das mit Milas Operation zu tun?

„Ich verstehe nicht“, brachte sie schließlich hervor.

„Ach komm, so kompliziert ist das nun wirklich nicht“, winkte die Schwiegermutter ab. „Es gibt die Gelegenheit, eine schöne Zweizimmerwohnung in einem Neubau zu kaufen. Aber wir brauchen schnell eine Anzahlung. Eine ordentliche Summe. Ich habe mit dem Verkäufer schon alles geklärt, er wartet bis Montag. Das ist eine einmalige Chance! Besser als eure kleine Einzimmerwohnung. Das Kind wächst schließlich, es braucht Platz.“

„Das ist ein Scherz, oder?“, fragte Katrin mit unnatürlich hoher Stimme.

„Überhaupt nicht. Ich meine das todernst. Deine Eltern haben das Geld gegeben – wunderbar. Aber wir setzen es sinnvoll ein. In Eigentum. Die Operation verschieben wir. Ärzte laufen ja nicht weg. Notfalls suchen wir eine andere Klinik, etwas Einfacheres. Ist sowieso günstiger.“

In Katrin riss etwas. Nicht langsam, nicht schleichend, sondern abrupt, als würde eine gespannte Saite reißen.

„Sie schlagen also vor“, sagte sie stockend und betonte jedes Wort einzeln, „meiner Tochter das Geld für ihre Behandlung wegzunehmen, damit Sie eine Wohnung kaufen können?“

„Jetzt übertreib doch nicht gleich wieder“, verzog Brigitte Neumann das Gesicht. „Niemand nimmt hier irgendwem etwas weg! Wir setzen nur die richtigen Prioritäten. Die Operation kann warten, aber die Wohnung ist sofort weg! Solche Angebote kommen nicht jeden Tag. Und das ist doch auch für euch! Für Mila! Wo soll sie denn später leben?“

„Sie muss erst einmal leben!“, rief Katrin verzweifelt. „Die Operation kann nicht warten! Mila hat Probleme mit der Wirbelsäule, jeder Tag zählt! Wenn wir jetzt zögern, kann es sein, dass sie…“

„Hör auf mit dieser Panikmache!“, fiel ihr die Schwiegermutter scharf ins Wort. „Diese Ärzte erzählen doch immer Horrorgeschichten, nur um mehr Geld zu kassieren. Am Ende regelt sich alles von selbst. Eine Bekannte von mir hatte das Gleiche mit ihrer Nichte – nichts gemacht, und irgendwann war es vorbei.“

Katrin sah diese Frau an, die in den letzten Jahren ein fester Teil ihres Lebens gewesen war, und erkannte sie plötzlich kaum wieder – als würde sie ihr zum ersten Mal wirklich ins Gesicht sehen.

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