„Mein Sohn … vermutlich ist er nur kurz fort“ sagte sie gezwungen lächelnd, als das Taxi um die Ecke bog und ihre Fassung brach

Herzergreifend, traurig und empörend zugleich.
Geschichten

Der Fahrer des Taxis blieb noch einen Augenblick am Bordstein stehen, ehe er den Wagen wieder in den Verkehr lenkte. Durch den Rückspiegel beobachtete er die betagte Dame, die auf dem Gehweg zurückgeblieben war. Sie hielt sich mit beiden Händen an einem Gehstock fest, als könne dieser allein sie aufrecht halten. Neben ihren Schuhen stand eine schlichte Tasche aus dem Krankenhaus.

— Sind Sie wirklich sicher, dass alles in Ordnung ist, Frau? rief er durch das heruntergelassene Fenster. Für mich sieht es so aus, als wäre niemand daheim.

Anna Werner zwang sich zu einem Lächeln, obwohl der scharfe Herbstwind unter ihren dünnen Mantel kroch und ihr bis in die Knochen schnitt.

— Ja, ja, alles bestens, mein Junge. Mein Sohn … vermutlich ist er nur kurz fort. Ich danke Ihnen.

Erst als das Taxi um die Ecke bog, fiel die mühsam gehaltene Freundlichkeit aus ihrem Gesicht. Anna war zweiundsiebzig. Hinter ihr lagen vierzehn Tage auf der kardiologischen Station, nachdem ein leichter Herzinfarkt sie aus ihrem gewohnten Leben gerissen hatte. Dreimal hatte sie versucht, Lukas Braun zu erreichen, um ihm zu sagen, dass sie entlassen werde. Dreimal war sie nur bei seiner Mailbox gelandet.

Langsam drehte sie sich zu dem Haus um.

Es war ein stattliches, zweigeschossiges Gebäude im kolonialen Stil, jenes Haus, das sie vor vier Jahrzehnten gemeinsam mit ihrem verstorbenen Mann Alexander König gekauft hatte. In diesen Räumen war Lukas aufgewachsen. Hier hatten sie Weihnachtsbäume geschmückt, Geburtstage gefeiert, gestritten, gelacht und sich wieder versöhnt. Und genau hier, in ihrem gemeinsamen Schlafzimmer im oberen Stock, hatte Alexander vor sechs Monaten seinen letzten Atemzug getan.

Anna setzte sich in Bewegung. Jeder Schritt über den schmalen Weg zur Haustür kostete Kraft. Ihre Knie fühlten sich weich an, ihre Hände zitterten. Aus der Manteltasche zog sie den Schlüsselbund, suchte den richtigen Schlüssel heraus und schob ihn ins Schloss.

Er passte nicht.

Zunächst glaubte sie, ihre Finger seien nur zu schwach. Sie bewegte den Schlüssel vorsichtig hin und her, versuchte es erneut, drückte fester. Nichts. Kein vertrautes Nachgeben, kein leises Klicken. Stirnrunzelnd trat sie zurück und betrachtete den Beschlag genauer.

Das Messing glänzte makellos. Keine Gebrauchsspuren. Keine Kratzer. Kein dunkler Rand vom jahrelangen Drehen des Schlüssels. Dieses Schloss war neu.

Einen Moment lang begriff sie nicht, was das bedeutete. Dann schob sich die Erkenntnis kalt und schwer in ihre Brust. Die Verwirrung wich einer Angst, die fast körperlich schmerzte. Und erst da bemerkte sie das Blatt Papier.

Es klebte mitten auf der massiven Eichentür. Der Wind hob die Ecken an und ließ sie unruhig flattern. Die Zeilen darauf waren in dicken, harten Großbuchstaben gedruckt, als hätte schon die Schrift schreien wollen:

NICHT KLINGELN. DIESES HAUS GEHÖRT JETZT MIR. MEIN VATER HAT ES MIR VERMACHT. FÜR SCHMAROTZER IST HIER KEIN PLATZ. SUCH DIR EIN PFLEGEHEIM. — LUKAS

Die Worte trafen Anna mit einer Wucht, gegen die der Herzinfarkt beinahe sanft gewirkt hatte.

Schmarotzer.

Dieses eine Wort bohrte sich in ihr Denken und hallte dort nach. Schmarotzer. Sie, die ihn geboren hatte. Sie, die nachts an seinem Bett gesessen hatte, wenn Fieber seine Stirn verbrannte. Sie, die ihre eigenen Wünsche zurückgestellt hatte, damit er studieren konnte. Sie, die ihn nach jeder Enttäuschung getröstet und jedes gebrochene Herz mitgetragen hatte.

Und nun stand sie vor der Tür ihres eigenen Hauses und wurde von ihrem Sohn wie eine Last abgewiesen.

Lukas Braun, der sich bereits als Besitzer sah

Nach Alexanders Beerdigung hatte in Lukas etwas zu wachsen begonnen, das weniger Trauer als Anspruch war. Er klammerte sich an eine Vorstellung, die nie jemand ausgesprochen, aber er offenbar für unumstößlich hielt: Als einziger Sohn müsse ihm alles zustehen. Ohne ein Testament, das ausdrücklich etwas anderes bestimmte, so glaubte er, falle das gesamte Vermögen selbstverständlich an ihn. Seine Mutter war in dieser Rechnung kein Mensch mit Rechten, Erinnerungen und einem Leben. Für ihn war sie nur noch ein Hindernis in einem Erbe, das er bereits als sein Eigentum betrachtete.

Eine jüngere Anna hätte vielleicht gegen die Tür gehämmert und geschrien. Eine gebrechlichere Anna wäre womöglich auf der Veranda zusammengesunken und hätte geweint, bis Nachbarn die Polizei verständigt hätten. Doch an diesem Nachmittag tat sie weder das eine noch das andere.

Sie blieb stehen und sah den Zettel an.

Dann geschah etwas Seltsames. Mitten in der Kränkung, mitten in der Erschöpfung, wurde ihr Inneres ruhig. Eine klare, kalte Entschlossenheit legte sich über den Schmerz. Die Trauer um den Sohn, von dem sie geglaubt hatte, ihn zu kennen, trat zurück. An ihre Stelle rückte ein tiefer, stiller Respekt vor dem Mann, den sie verloren hatte.

Anna hob die Hand und legte die Fingerspitzen auf das kühle Holz der Tür.

— Ach, Alexander, flüsterte sie in den leeren Nachmittag. Du hattest recht. Ich habe ihn viel zu lange in Schutz genommen. Ich habe dir immer gesagt, irgendwann würde er erwachsen werden. Aber du hast es gesehen. Du hast es die ganze Zeit gewusst.

Sie klingelte nicht. Sie pochte nicht gegen die Scheiben. Sie stellte sich auch nicht unter das Fenster, hinter dem sie das blasse Flackern eines Fernsehbildes erkennen konnte. Lukas sollte nicht den Triumph erleben, seine Mutter betteln zu sehen.

Stattdessen wandte sie sich langsam ab und ging zu dem Gartenstuhl auf der Veranda. Alexander hatte ihn vor Jahren selbst gebaut, an einem warmen Samstag im Mai, mit Sägespänen auf den Ärmeln und diesem zufriedenen Lächeln, das sie so sehr vermisste. Vorsichtig ließ sie sich darauf nieder. Dann zog sie ihr Handy aus der Tasche.

Nicht Lukas’ Nummer wählte sie.

Sie rief eine Nummer an, die sie seit fünf Jahren auswendig kannte.

— Guten Tag, Herr Markus Vogel, sagte sie, sobald am anderen Ende abgehoben wurde. Ihre Stimme klang erstaunlich fest, ohne das brüchige Zittern, das man einer Frau nach einem Krankenhausaufenthalt vielleicht zugeschrieben hätte. Es ist geschehen. Genau so, wie Alexander es vorausgesagt hat. Lukas hat die Schlösser austauschen lassen … Ja. Ich sitze auf der Veranda. Bringen Sie bitte die Aktenmappe mit. Und einen Schlüsseldienst. Außerdem wäre es gut, wenn die Polizei dabei wäre.

Sie beendete das Gespräch, zog den Mantel enger um ihre Schultern und wartete.

Wer sie in diesem Augenblick gesehen hätte, hätte vielleicht eine alte Frau erkannt, die in der Kälte saß. Doch Anna Werner fühlte sich nicht wie ein hilfloses Opfer. Sie saß dort wie eine Befehlshaberin, die wusste, dass ihre Verstärkung bereits unterwegs war.

In der eroberten Festung

Drinnen, im hell erleuchteten Wohnzimmer, herrschte eine Stimmung wie nach einem gewonnenen Feldzug.

Lukas Braun hatte sich breit in den alten Ledersessel seines Vaters fallen lassen. In der Hand hielt er ein Glas mit teurem Whisky, das er langsam schwenkte, als gehöre ihm nicht nur der Alkohol, sondern auch jeder Stein dieses Hauses. Auf der anderen Seite des Zimmers stand seine Frau Lia Hoffmann. Sie hielt mehrere Farbkarten gegen die Wand und betrachtete sie mit prüfendem Blick.

— Diese Tapete ist furchtbar, sagte Lia und rümpfte die Nase. Alles hier riecht nach alten Leuten. Wir müssen die ganze Etage umgestalten. Am besten offen, modern, viel heller.

Lukas lachte leise. Es war kein warmes Lachen, sondern ein hartes, zufriedenes Geräusch.

— Mach daraus, was immer du willst, Liebling. Es gehört jetzt uns. Endlich.

Lia ließ die Farbmuster sinken, sah zur Haustür hinüber und fragte zögernd:

— Bist du wirklich sicher, dass sie nicht zurückkommt?

LebensKlüber