„…also das Wohnhaus, sämtliche Rücklagen sowie die Auszahlung aus der Lebensversicherung, werden einem Treuhandvermögen zugunsten unseres ungeborenen Sohnes Noah zugeführt“, verlas er mit ruhiger, klarer Stimme. „Falls Noah nicht am Leben bleiben sollte, fällt dieser Fonds an meine Schwester Anna Weiß. Sie soll nach eigenem Ermessen entscheiden, auf welche Weise mein Andenken gewahrt wird.“
Für einen Moment fühlte es sich an, als gäben meine Beine unter mir nach. Von all dem hatte ich keine Ahnung gehabt. Mir brannten Tränen in den Augen, bis die Umrisse der Menschen vor mir verschwammen.
Lukas Lehmann lachte rau und ohne jede Wärme auf.
„Ihre Schwester?“, spottete er. „Anna bekommt ja nicht einmal ihre eigenen Rechnungen ordentlich geregelt. Das ist absurd.“
„Nehmen Sie Platz, Herr Lehmann“, schnitt Thomas Krüger ihm scharf das Wort ab. „Ich bin noch nicht fertig.“
Dann öffnete er seine Aktentasche, griff hinein und holte einen schweren Umschlag hervor, der sorgfältig versiegelt war.
„Dieser Umschlag wurde zwei Tage vor dem Tod von Marlene Stein in meiner Kanzlei abgegeben“, erklärte er. „Die Beschriftung stammt eindeutig von ihr. Darauf steht: ‚Nur öffnen, falls mein Tod als Unfall gewertet wird.‘“
In der Kirche senkte sich eine Stille herab, so dicht, dass selbst das leise Ticken der alten Uhr an der Wand plötzlich unerträglich laut wirkte. Lukas’ Gesicht verlor jede Farbe.
Thomas Krüger brach das Siegel.
„Wenn Lukas sagt, ich sei gestürzt, dann glaubt ihm bitte nicht blind“, las er vor. „Am 5. März, nachdem ich ihn wegen Stella zur Rede gestellt hatte, umklammerte er meinen Arm so brutal, dass blaue Flecken zurückblieben. Er sagte: ‚Wenn du mein Leben kaputtmachst, mache ich deins kaputt.‘ Seit diesem Tag habe ich mich in meinem eigenen Haus nicht mehr sicher gefühlt.“
Ein schmerzhafter Knoten zog sich in meinem Bauch zusammen.
Krüger las weiter: „Ich habe oben am Treppenabsatz eine kleine Überwachungskamera angebracht. Sollte mir etwas geschehen, kennt mein Anwalt die notwendigen Schritte.“
Er nahm einen winzigen schwarzen USB-Stick und legte ihn sichtbar auf den Tisch.
„Auf diesem Datenträger befindet sich das Videomaterial, das Marlene Stein in der Nacht vor ihrem Tod an meine Kanzlei übermittelt hat.“
Lukas starrte auf den Stick, als läge dort kein Stück Technik, sondern eine tickende Bombe.
„Sie wollte, dass die Wahrheit ans Licht kommt“, sagte Thomas Krüger abschließend. „Und genau das wird jetzt geschehen.“
Vierzehn Tage später saß ich zusammen mit meinen Eltern, Thomas Krüger und einem Ermittler in einem viel zu engen Besprechungsraum der Polizeiwache. Auf dem Tisch vor uns stand ein aufgeklappter Laptop.
Die Aufnahme war grobkörnig, doch es gab keinen Zweifel daran, was sie zeigte. Marlene stand hochschwanger im achten Monat oben am Treppenabsatz, weinend, das Handy fest in der Hand.
