„Leb von deinem eigenen Geld, du Habenichts, und lass meins in Ruhe!“, brüllte ihr Mann.
Mit voller Wucht schleuderte Lukas Krüger eine dicke Mappe auf den Küchentisch. Die Unterlagen rutschten fächerförmig über die glatte Platte und kamen nur wenige Zentimeter vor einer Packung Medikamente zum Liegen. Anna Werner saß ihm gegenüber, aufrecht, äußerlich ruhig, und sah den Mann an, mit dem sie zweiunddreißig Jahre ihres Lebens geteilt hatte.
Noch einen Augenblick zuvor hatte sie ihn lediglich gebeten, ihr eine kleine Summe für gefäßstützende Medikamente dazuzugeben. Ihr bescheidenes Gehalt als medizinische Registratorin in einer kommunalen Praxis hatte in diesem Monat kaum gereicht, um die Nebenkosten für ihre Dreizimmerwohnung zu bezahlen. Doch die Antwort ihres Mannes war nicht einfach nur grob gewesen. Sie klang wie der endgültige Schlusspunkt unter ihrer Ehe.
Lukas stand schwer atmend über dem Tisch. Seit er vor einem halben Jahr in einem großen Handelsunternehmen zum stellvertretenden Leiter aufgestiegen war, hatte sich sein Verhalten von Grund auf verändert. Er kleidete sich anders, kaufte teure Sachen und behandelte seine Frau, als stünde sie weit unter ihm.
„Ja, genau so ist es!“, setzte er nach und lief unruhig in der Küche auf und ab. „Ich habe es satt, diesen Ballast mit mir herumzuschleppen. Deine ständigen Apotheken, deine kümmerlichen Sorgen, dein ewiges Gejammer darüber, wie anstrengend es in der Praxis ist. Hast du dieser Familie jemals einen wirklich nennenswerten Euro eingebracht? Hast du irgendetwas getan, das uns tatsächlich vorangebracht hätte?“

Anna senkte den Blick nicht. Als sie antwortete, klang ihre Stimme ruhig, aber fest.
„Lukas, vergiss dich nicht. Wer hat sich denn um deine Mutter gekümmert? Vier Jahre lang bin ich kaum von ihrem Bett gewichen. Ihretwegen habe ich meine gute Stelle als leitende Krankenschwester in einer Privatklinik aufgegeben und bin in die einfache Anmeldung gewechselt, nur damit ich halbtags arbeiten und sie rechtzeitig füttern, waschen und versorgen konnte. Du warst tagelang nicht zu Hause, weil du an deiner Karriere gebaut hast. Ich habe dieser Familie meine Kraft und meine Gesundheit gegeben. Und jetzt nennst du mich ein Habenichts?“
„Wag es nicht, meine Mutter da hineinzuziehen!“, fuhr er sie an und blieb abrupt stehen. „Diese Wohnung hat meine Mutter für ihre langen Dienstjahre bekommen. Wir sind hier die rechtmäßigen Eigentümer. Du bist damals aus deinem Wohnheim hier eingezogen. Wenn du wenigstens irgendeinen Nutzen gebracht hättest, aber nein. Hör mir gut zu, ich habe genug von diesen Gefühlsduseleien. Ich bin ein Mann in den besten Jahren. Ich verdiene sehr viel Geld und habe das Recht, so zu leben, wie ich es will, statt mir jeden Abend dein trauriges Gesicht anzusehen.“
Er deutete mit dem Finger auf die Mappe, die er eben auf den Tisch geworfen hatte.
„Lies es dir durch, falls du komplizierte Texte überhaupt verstehst. Das ist der Vorvertrag für den Verkauf unserer Wohnung. Ich habe einen Käufer gefunden. Ein Geschäftsmann, hart, entschlossen, zahlt bar und will die Räume komplett umbauen. Hundertfünfzigtausend Euro. Für dich sind das Zahlen aus einer anderen Welt. So viel wirst du in deinem ganzen Leben nicht verdienen.“
Anna sah auf das oberste Blatt. Aus dem Vertragstext ging hervor, dass der Abschluss der Transaktion bereits vorbereitet wurde und der Verkäufer sich verpflichtete, die Immobilie frei von Rechten Dritter zu übergeben.
„Du verkaufst unser Zuhause?“, fragte sie, ohne die Stimme zu heben. „Und wohin willst du ziehen?“
„Nicht wir. Ich“, erwiderte Lukas mit unverhohlener Überlegenheit. „Ich habe bereits eine hohe Anzahlung für ein modernes Reihenhaus in einer bewachten Wohnanlage geleistet.“
