«Meine graue Maus merkt sowieso nichts» — sagte er am Telefon spöttisch, ohne zu merken, dass Laura mithörte

Es war unerwartet befreiend, genauso schmerzlich wie erlösend.
Geschichten

Etwas Warmes, Leichtes durchströmte mich dabei. Freiheit, ganz leise und doch unübersehbar.

Die Scheidung war drei Monate später rechtskräftig. Daniel Bergmann rief mehrfach an, entschuldigte sich, suchte Worte, die zu spät kamen. Ich ging nicht ran. Aus dem Verkauf der gemeinsamen Wohnung stand mir die Hälfte zu. Mit diesem Geld mietete ich ein kleines Ladenlokal mitten in der Stadt und ließ ein schlichtes Schild anbringen: „Atelier Laura“.

Der erste Auftrag kam ausgerechnet von Xaver Zimmermann. Er brauchte neue Arbeitskleidung für sein Servicepersonal. Danach blieb es nicht bei diesem einen Kunden – Empfehlungen, neue Anfragen, Termine im Wochentakt. Ich arbeitete von morgens bis abends, maß aus, schnitt zu, nähte, beriet. Bald stellte ich mir Unterstützung ein: Luna Albrecht, jung, flink, mit wachen Augen.

Ein Jahr später meldete sich Daniel erneut. Seine Stimme klang schwer, verwaschen, eindeutig betrunken.
„Laura, ich habe alles falsch gemacht. Meine Mutter wohnt jetzt bei mir, nörgelt jeden Tag. Den Job bin ich auch los. Lass uns neu anfangen.“
„Nein, Daniel.“
Mehr sagte ich nicht. Danach verschwand er endgültig aus meinen Gedanken.

Das Atelier läuft gut, die Warteliste ist lang. Vor Kurzem lernte ich Matthias Krause kennen, den Leiter einer Fabrik, der bei mir Arbeitskleidung in Auftrag gab. Wir sehen uns, ohne Druck, ohne Versprechen. Er spricht mich mit meinem Namen an. Nicht herablassend. Nicht von oben.

Manchmal denke ich an diesen Abend im „Stillen Don“ zurück. An meinen Weg durch den Gastraum, an Daniels Blick, an den Umschlag auf dem Tisch. Und mir wird klar: Das war kein Ende. Es war der Anfang von allem.

Neulich begegnete ich Andrea Lange im Supermarkt. Sie wandte sich ab. Ich rief ihr nicht hinterher. Wozu auch? Unsere Leben berühren sich nicht mehr.

Gestern schaute Xaver im Atelier vorbei, setzte sich, trank einen Tee.
„Und, Laura, hast du je bereut?“
Ich sah nach draußen. Frühling, Sonne, Bewegung.
„Nicht eine Sekunde.“
Er nickte zustimmend.
„So muss es sein.“
„Bereuen sollte man nur das, was man sich nicht getraut hat“, sagte ich.

Nachdem er gegangen war, arbeitete ich weiter. Ich nähte ein Brautkleid für eine sehr junge Frau, die bei der Anprobe vor Glück strahlte. Ich betrachtete sie und dachte, hoffentlich muss sie in zwanzig Jahren nicht ihre Karte sperren lassen und in einem Restaurant um Respekt kämpfen. Doch das ist ihr Weg. Ihre Entscheidung.

Meine habe ich längst getroffen. Und sie fühlt sich richtig an.

Die graue Maus ist an jenem Abend im „Stillen Don“ geblieben. Ich bin neu geboren worden – wachsam, stark, bereit, mich zu wehren. Eine Frau, die ihren Wert kennt und niemals wieder blind vertraut.

Morgen kommt Matthias Krause, um seine Bestellung abzuholen. Wir werden Tee trinken, über Stoffe und Schnitte reden. Vielleicht lädt er mich zum Essen ein. Vielleicht sage ich zu. Vielleicht lehne ich ab, weil ein Auftrag Vorrang hat.

So oder so: Es ist meine Wahl.
Ich bin nicht mehr die, die schweigend Brot schneidet und den Blick senkt. Ich bin die, die aufrecht einen Raum betritt. Und das ist die beste Version von mir.

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