Daniel Bergmann bat mich am Mittwochmorgen beim Frühstück um meine Bankkarte. Sein Tonfall war tadellos gewählt – besorgt, aber ohne jede Spur von Hysterie.
„Laura, eine Firmenzahlung brennt mir unter den Nägeln. Meine Karte ist gesperrt, nur für zwei Tage. Kannst du mir aushelfen?“
Ich trocknete mir die Hände an der Schürze ab, zog die Karte aus dem Portemonnaie und reichte sie ihm. Daniel griff hastig danach, als hätte er Angst, ich könnte es mir noch anders überlegen, beugte sich vor und küsste mich auf den Scheitel.
„Danke, Schatz. Auf dich ist einfach immer Verlass.“
Zwanzig Ehejahre hatten mir beigebracht, keine überflüssigen Fragen zu stellen. Ich vertraute ihm. Oder ich tat zumindest so.

Am Freitagabend, während ich sein Hemd bügelte, hörte ich seine Stimme aus dem Nebenzimmer. Die Tür stand einen Spalt offen. Er klang ausgelassen, fast übermütig – so sprach er nie mit mir.
„Mama, mach dir keine Sorgen, alles ist organisiert. Das Restaurant ist reserviert, ein Tisch für sechs. Das Menü ist der Hammer, Cognac, Sekt – genau nach deinem Geschmack. Nein, sie weiß von nichts. Wozu auch? Ich habe gesagt, wir feiern zu Hause, ganz im kleinen Kreis.“
Das Bügeleisen verharrte reglos in meiner Hand.
„Meine graue Maus merkt sowieso nichts. Eine provinziell-naive Person, Mama, du erinnerst dich doch – aus irgendeinem Kaff in Hessen. Zwanzig Jahre in Frankfurt am Main, und trotzdem bleibt sie ein Dorfmensch. Klar zahle ich mit ihrer Karte, meine ist ja gesperrt. Dafür wird das im ‚Zum Stillen Main‘ ein Auftritt! Da setzt sie keinen Fuß rein, keine Sorge. Soll sie daheim sitzen und fernsehen.“
Ich schaltete das Bügeleisen aus, ging in die Küche, goss mir ein Glas Wasser ein und trank es in einem Zug leer. Meine Hände zitterten nicht. Innen war es leer und eisig, als hätte jemand alles Lebendige aus mir herausgerissen.
Graue Maus. Provinziell. Mit ihrer Karte.
Ich stellte das Glas in die Spüle und sah aus dem Fenster. Draußen senkte sich die Dämmerung. Vielleicht hatte er recht. Vielleicht war ich tatsächlich unscheinbar. Aber selbst Mäuse beißen, wenn man sie in die Enge treibt.
Am Samstagmorgen ließ ich die Karte sperren. Bei der Bank erklärte ich ruhig, ich hätte sie verloren und fürchtete Missbrauch. Danach fuhr ich quer durch die Stadt, in das Viertel mit den Einfamilienhäusern, in dem ich früher gewohnt hatte.
Xaver Zimmermann öffnete in Hausschuhen, die Augenbrauen überrascht hochgezogen.
„Laura? Das gibt’s doch nicht. Wie lange ist das her? Komm rein.“
Wir saßen an seinem Küchentisch, tranken Tee. Ich erzählte alles – knapp, ohne Ausschmückungen. Xaver hörte zu und fiel mir nicht ins Wort.
„Verstanden“, sagte er schließlich. „Laura, erinnerst du dich? Du hast mir damals die ganze Familie gerettet. Als mein Vater arbeitslos war, hast du einen Sack Kartoffeln vorbeigebracht und behauptet, er sei übrig. Wir wussten beide, dass es dein Letztes war. Jetzt bin ich dran. Die Feier ist am Montagabend, richtig? Um neun beginnt das Bankett. Ich melde mich bei dir, sobald dort alles vorbereitet ist.“
