Sie soll deine Hemden bügeln und deine Fäuste entschuldigen.“
Hinter der Tür fiel plötzlich Stille. So schwer und dicht, dass ich sogar das Rascheln des Müllsacks hörte, den Daniel Simon offenbar vom Boden zusammenzuklauben versuchte.
„Du…“ Die Stimme von Sabine Kraus kippte in eine schrille Höhe. „Wie sprichst du mit deinem Mann? Wer hat dir das erlaubt? Er hat dich ernährt! Er hatte Mitleid mit dir, hat dich bei sich aufgenommen! Und du? Was bildest du dir eigentlich ein? Ohne ihn bist du doch…“
„Sabine Kraus“, fiel ich ihr ins Wort. Zum ersten Mal klang in meiner Stimme wohl genau diese Härte mit, die mir immer gefehlt hatte. „Halten Sie den Mund.“
Sie verschluckte sich hörbar. Daniel stieß ein Geräusch aus, das eher an ein wütendes Tier erinnerte als an einen Menschen.
„Ihr Sohn hat mich geschlagen“, sagte ich weiter, ohne lauter zu werden, aber jedes Wort saß wie ein Nagel. „Ich habe Blutergüsse an Schulter und Arm. Noch heute lasse ich alles ärztlich dokumentieren. Und wenn einer von Ihnen beiden sich dieser Tür noch einmal nähert, erstatte ich Anzeige wegen Belästigung und Nachstellung. Sie haben ein Zuhause, Sabine Kraus. Ihre eigene Wohnung. Und Daniel wünsche ich viel Erfolg bei der Suche nach einer Frau, die seinen Charakter und seine Mutter freiwillig erträgt.“
„Das wirst du bereuen!“, zischte er. Endlich hörte er auf, gegen die Tür zu treten. Offenbar begriff er langsam, dass Beton widerstandsfähiger war als seine Wut und Metall sich nicht durch Gebrüll einschüchtern ließ.
„Ich bereue es schon“, flüsterte ich, so leise, dass sie es nicht hören konnten. Ich bereute nur, dass ich nicht viel früher gegangen war.
Ich trat von der Tür zurück. Draußen schluchzte Sabine Kraus und jammerte: „Mein Junge, was macht dieses hinterhältige Weib nur mit dir?“ Daniel versuchte sie zu beruhigen, doch aus seiner Stimme war die Raserei verschwunden. Übrig geblieben war nur Verunsicherung. Noch etwa zehn Minuten standen sie im Treppenhaus herum. Ich hörte, wie Sabine Kraus ihren alten Schlüssel ins Schloss rammte, wieder und wieder, als könnte bloße Verzweiflung den Zylinder zurückverwandeln. Dann polterte eine Kiste zu Boden, Tüten raschelten, und schließlich schlug die Aufzugtür zu.
Danach war es still. Unheimlich still.
Ich ging in die Küche. Auf dem Tisch stand noch die Tasse von gestern, die ich nicht weggeräumt hatte. Ich stellte den Wasserkocher an und sah aus dem Fenster. Der Morgen über der Stadt war grau, kalt und zugleich von einer fast unerträglichen Schönheit. Unten kamen Sabine Kraus und Daniel aus dem Hauseingang. Sie trug eine Kiste, er schleppte zwei schwarze Säcke. Langsam gingen sie zum Auto und blickten immer wieder zu den Fenstern hinauf, als warteten sie darauf, dass ich hinausstürzte, mich ihnen vor die Füße warf und sie anflehte zurückzukommen.
Ich sah von oben auf sie hinunter. Sah, wie sie in Daniels alten Wagen stiegen. Und in mir war nichts als Leere. Aber es war eine gute Leere. So eine, die bleibt, wenn aus einem entzündeten Zahn endlich der Nerv entfernt wurde.
Um neun Uhr saß ich beim Anwalt. Um zehn war ich in der Notaufnahme, wo der ältere, müde wirkende Arzt nur schwer ausatmete, als er die dunkelvioletten Abdrücke an meinem Arm sah.
