«Mama ist der Einzige Ort, an dem ich nichts erklären muss» — flüstert Clara ins Telefon, bricht dann in Schluchzen aus und setzt sich neben ihre Mutter

Rührend, wie Pflicht zur Liebe verwandelt wird.
Geschichten

…fuhr Marianne fort, und diesmal ließ sie den Tränen freien Lauf. „Ich war überzeugt, dass ich dir zur Last falle. Dass du nur aus Pflichtgefühl kommst. Ich habe mir eingeredet, du zählst innerlich die Minuten, bis du endlich wieder gehen kannst.“

„Mama …“, setzte Clara an, doch Marianne hob leicht die Hand.

„Aber jetzt verstehe ich es“, sagte sie und schloss behutsam die Finger um Claras Hand. „Ich begreife, dass auch du nicht immer stark bist. Und dass du jemanden brauchst, bei dem du nicht funktionieren musst. Jemanden, vor dem du die Rüstung ablegen darfst.“

Clara brach in Schluchzen aus und sank an die Schulter ihrer Mutter. Marianne hielt sie fest, fester, als sie es sich selbst zugetraut hätte. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte sie nicht das Gefühl, gehalten zu werden – sondern selbst Halt zu geben. Nicht Empfängerin zu sein, sondern Quelle.

„Es tut mir leid“, flüsterte Clara. „Ich dachte, du willst meine Sorgen gar nicht hören. Ich dachte, deine eigenen reichen dir schon …“

„Clara“, Marianne lachte leise, beinahe heiter. „Ich bin sechsundsechzig. Meine Probleme kenne ich in- und auswendig, sie langweilen mich inzwischen. Deine dagegen …“ Sie zog die Augenbrauen hoch. „Die haben wenigstens noch Spannung.“

Trotz der Tränen musste Clara lachen.

Sie verbrachten den Abend am Küchentisch. Marianne stellte den alten Kamillentee auf, den Clara als Kind immer getrunken hatte. Zwei Tassen. Und Clara erzählte – zum allerersten Mal ohne Ausweichen –, wie es zu Hause wirklich war. Von Martin Seidel. Von Jonas Reimann. Von ihrer Angst, von der Orientierungslosigkeit, davon, dass sie sich selbst kaum wiedererkannte, weil alle anderen scheinbar etwas in ihr sahen, das sie selbst nicht fühlte.

Marianne hörte zu. Sie unterbrach nicht, gab keine klugen Ratschläge, sagte weder „Mach dir keine Sorgen“ noch „Das wird schon“. Sie war einfach da. Denn sie wusste jetzt: Manchmal braucht es keine Lösung. Manchmal reicht es, gehört zu werden.

Als Clara sich verabschiedete, blieb sie einen Moment in der Tür stehen.
„Mama … nächsten Donnerstag … darfst du da wieder wach sein?“

Marianne lächelte.
„Ich bin wach. Aber den Tee lässt du bitte hier.“

Clara lachte, umarmte sie hastig.
„Ich hab dich lieb.“

„Ich dich auch“, antwortete Marianne sanft. „Und jetzt weiß ich: von beiden Seiten.“

Nachdem Clara gegangen war, setzte sich Marianne zurück auf das Sofa. Sie legte sich nicht hin. Sie blieb sitzen und sah in die Küche, wo noch immer zwei Tassen standen. Zwei. Nicht eine.

Clara kam nicht mehr aus Pflicht. Und Marianne musste sich nicht länger schlafend stellen.

Denn beide hatten verstanden: Es gibt etwas, das lauter ist als jedes Wort. Das Wissen, gebraucht zu werden. Von jemandem. Füreinander.

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