«Mama ist der Einzige Ort, an dem ich nichts erklären muss» — flüstert Clara ins Telefon, bricht dann in Schluchzen aus und setzt sich neben ihre Mutter

Rührend, wie Pflicht zur Liebe verwandelt wird.
Geschichten

…der einzige Mensch, der nichts von mir verlangt. Verstehst du das? Wenn ich hier bin, muss ich keine Rolle spielen. Kein aufgesetztes Lächeln, kein Funktionieren. Ich kann mich in ihre Küche setzen, dem leisen Atem lauschen, während sie schläft, und einfach nur da sein. Mehr nicht. Keine Erklärungen, keine Rechtfertigungen, keine Beweise dafür, dass ich genug bin.“

Marianne Vogt spürte, wie eine heiße Träne über ihre Wange lief und sich im Kissen verlor.

„Ich weiß nicht, wie lange ich das noch schaffe“, flüsterte Clara Henning weiter. „Dieses Starksein zu Hause. Hier wenigstens … hier muss ich nichts vorspielen. Martin versteht es nicht. Die Kinder sehen es nicht. Aber Mama … Mama fragt nie aus. Sie drängt sich nicht auf. Sie ist einfach da. Und das reicht mir.“

Aus dem Telefon klang Nadine Kellers Stimme, doch die Worte erreichten Marianne nicht mehr. Clara lachte leise auf, ein brüchiges Geräusch zwischen Schluchzen und Atemholen.

„Eigentlich sollte ich auf sie achten“, sagte sie nach einer Pause. „Aber manchmal fühlt es sich an, als würde sie auf mich aufpassen. Ohne es zu wissen.“

Clara schwieg, stand dann auf. Marianne hörte das Wasser, das in eine Tasse gegossen wurde, das Knarren der Schranktür.

„Sie stellt mir immer denselben Tee hin“, murmelte Clara. „Kamille. Den von früher, wenn ich als Kind nicht schlafen konnte. Ich glaube, sie kauft ihn seit Jahren nur noch meinetwegen.“

Nun waren es mehrere Tränen, die Marianne nicht mehr zurückhalten konnte.

„Nadine, ich muss auflegen. Aber … danke. Wirklich. Ich musste das einfach jemandem sagen. Zu Hause geht das nicht. Und hier … hier schläft sie. Hier fühle ich mich sicher.“

Clara beendete das Gespräch. Marianne hörte Schritte, spürte, wie sich ihre Tochter vorsichtig neben sie auf das Sofa setzte. Für einen kurzen Moment berührten Claras Finger ihre Hand.

„Mama“, hauchte Clara kaum hörbar. „Ich weiß, du schläfst, aber … danke.“

Langsam öffnete Marianne die Augen.

Clara zuckte zusammen.

„Mama! Es tut mir leid, habe ich dich geweckt?“

Marianne schüttelte den Kopf. Ihre Stimme bebte, als sie antwortete: „Nein. Ich war wach.“

Claras Gesicht verlor jede Farbe.

„Mama … wie lange schon?“

„Seit dem siebten Donnerstag“, sagte Marianne leise und richtete sich mühsam auf. „Seit dem siebten Donnerstag schlafe ich nicht mehr, wenn du hier bist. Ich höre nur zu.“

Claras Mund stand offen, kein Wort kam über ihre Lippen.

„Ich dachte …“

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