…als gäbe es Dinge, über die man nicht laut sprechen durfte, weil sie bewahrt werden mussten.
Vor drei Monaten, an einem Donnerstag, war Marianne Vogt einfach am Ende ihrer Kräfte gewesen. Sie hatte keine Energie mehr, so zu tun, als sei alles in Ordnung. Sie legte sich auf das Sofa, schloss die Augen und ließ sie geschlossen, auch als Clara Henning hereinkam. Clara trat näher, blieb stehen und sagte schließlich leise: „Sie schläft.“ In genau diesem Moment begriff Marianne etwas Entscheidendes: Wenn sie schlief, veränderte sich Claras Verhalten. Es wurde ungezwungener, weniger kontrolliert – ehrlicher.
An jenem Tag hörte Marianne zum ersten Mal, wie Clara in der Küche telefonierte und klagte. „Ich muss donnerstags immer hier sein. Es geht einfach nicht anders. Ich weiß ja, dass es meine Aufgabe ist, aber …“ Der Satz blieb unvollendet, doch sein Gewicht lag schwer in der Luft.
Da verstand Marianne, was sie in Wahrheit war: eine Last. Eine Verpflichtung. Ein fester Termin im Kalender. Donnerstage. Keine Ausnahme.
Heute, am siebten Donnerstag in Folge, als Clara erneut ihr Handy zur Hand nahm, war Marianne innerlich vorbereitet. Sie rechnete mit dem Schmerz. Sie wusste, was kommen würde. Vermutlich ein Anruf bei ihrem Mann Martin Seidel, eine Aufzählung darüber, wie anstrengend alles sei, wie müde sie sich fühle, wie alt und langsam ihre Mutter geworden war – und dass es vielleicht bald eine andere Lösung brauche.
Doch Clara wählte nicht Martins Nummer.
„Hallo, Nadine“, sagte sie gedämpft, und Marianne erkannte den Namen sofort. Nadine Keller, Claras Freundin aus Studienzeiten, die einzige Person, bei der Clara sich nichts vormachen musste.
„Nein, du störst nicht. Ich bin bei Mama. Sie schläft. Ich habe vielleicht zehn Minuten.“
Marianne hörte, wie Clara sich in der Küche setzte. Der Stuhl schabte über den Boden, der Wasserkocher begann leise zu brummen.
„Nadine, ich weiß nicht, wie lange ich das noch schaffe“, sagte Clara erneut, diesmal mit zitternder Stimme. „Martin entfernt sich immer mehr. Und die Kinder … die Kinder reden nicht mehr mit mir wie früher. Jonas hat gestern gesagt, ich würde ihn sowieso nicht verstehen. Vierzehn ist er, Nadine. Vierzehn. Und spricht schon so mit mir.“
Marianne erstarrte.
Das hat nichts mit mir zu tun.
„Martin meint, ich würde übertreiben“, fuhr Clara fort. „Ich solle loslassen, ihn machen lassen. Aber ich kann das nicht. Ich habe Angst, sie ganz zu verlieren, wenn ich nicht aufpasse. Und wenn ich zu sehr aufpasse, dann … dann bin ich ihnen zu viel.“
Clara schwieg einen Moment. Marianne hörte ihr tiefes Einatmen.
„Und Mama …“, begann Clara leise, und ihre Stimme wurde noch brüchiger, „Mama ist der Einzige Ort, an dem ich nichts erklären muss.“
