«Mama ist der Einzige Ort, an dem ich nichts erklären muss» — flüstert Clara ins Telefon, bricht dann in Schluchzen aus und setzt sich neben ihre Mutter

Rührend, wie Pflicht zur Liebe verwandelt wird.
Geschichten

Marianne Vogt schloss die Augen in dem Moment, als der Schlüssel im Schloss knirschte. Aus dem Flur drang die Stimme ihrer Tochter zu ihr – müde, gehetzt, begleitet von schnellen Schritten, genau wie an jedem Donnerstag. „Mama, bist du da?“ rief Clara Henning in die Wohnung hinein. Marianne antwortete nicht. Reglos lag sie im Wohnzimmer auf dem Sofa, die Decke bis zum Kinn gezogen. Sie wusste, was nun folgen würde: Clara würde hereinkommen, sich neben sie setzen, sie einen Augenblick lang mustern und anschließend in die Küche gehen, weil es immer etwas zu erledigen gab. Und dann würde Marianne Dinge hören, die nicht für ihre Ohren bestimmt waren.

Sie war sechsundsechzig Jahre alt und seit drei Jahren verwitwet. An diesem Donnerstagnachmittag tat sie dasselbe wie in den vergangenen sieben Wochen: Sie stellte sich schlafend, um herauszufinden, weshalb ihre Tochter tatsächlich so regelmäßig vorbeikam.

Clara betrat den Raum. Marianne spürte, wie sie neben ihr stehen blieb, hörte ihren Atem. Für einen kurzen Moment wirkte es, als wolle sie ihre Mutter berühren, doch statt einer Berührung kam nur ein leises Seufzen. Dann entfernte sich Clara in Richtung Küche. Vorsichtig öffnete Marianne einen Spalt eines Auges. Ihre Tochter kramte in der Handtasche nach dem Telefon, während sie den Wasserkocher einschaltete.

„Ich weiß nicht, wie lange ich das noch schaffe“, flüsterte Clara ins Handy. Marianne zog sich innerlich zusammen. Also war es doch so. Am Ende blieb von ihr nicht mehr als eine Last.

Nicht von Anfang an hatte Marianne dieses Schauspiel aufgeführt. Zu Beginn hatte sie versucht, überall dabei zu sein: Sie buk Kuchen, wenn Clara kam, deckte den Tisch, brachte Tee, suchte das Gespräch. Doch Clara stand stets unter Zeitdruck. „Mama, überanstreng dich nicht“, „Mama, ruh dich aus“, „Mama, mach dir keine Sorgen, ich regel das.“ Mit jeder Woche wurde Marianne klarer, was dahinterstand: Man brauchte sie nicht wirklich. Man wollte nur sicherstellen, dass sie noch lebte, dass es ihr halbwegs gut ging – nicht, dass sie tatsächlich da war.

Seit dem Tod ihres Mannes lebte sie allein in dieser kleinen Zweizimmerwohnung. Die Kinder – Clara und ihr Sohn Tobias Albrecht, der in Deutschland arbeitete – hatten gemeinsam beschlossen, dass Clara näher wohnte und sich kümmern sollte. „Sich kümmern“, dieses Wort hatten sie gewählt. Nicht „Zeit miteinander verbringen“, nicht „bei ihr sein“, sondern auf sie aufpassen, als ginge es um etwas Zerbrechliches, das man kontrollieren musste, damit es keinen Schaden nahm.

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