Er legte sie sorgfältig übereinander und reichte sie mir. Dann nickte er knapp und setzte sich wieder.
Die Frau mit dem kleinen Mädchen hob ein Blatt auf, das unter ihren Füßen gelandet war, und gab es über den Gang weiter. Das Kind starrte Philipp Klein mit großen, runden Augen an.
Lea Peters war inzwischen bei mir. Sie ging in die Hocke und half, den Koffer zu schließen.
»Katharina Lang«, sagte sie leise, nur für mich bestimmt. »Ich melde das jetzt. Das ist bereits ein Fall für die Anzeige.«
»Warte noch, Lea.«
Ich stellte den Koffer in den Gang und richtete mich auf. Die Mappe hielt ich fest in beiden Händen. Das Firmenzeichen zeigte direkt zu Philipp, doch natürlich sah er nicht auf die Mappe. Er sah mich an. Mit demselben Lächeln wie zuvor: herablassend, träge, eingeübt.
Zweiundzwanzig Jahre. Zweihundertachtzig Menschen, die jeden Morgen um halb sechs in die Produktion kommen, Handschuhe überstreifen, Hauben aufsetzen, Schürzen umbinden. Menschen, die für genau diese Flüge Mahlzeiten zubereiten. Sie schneiden, kochen, portionieren, ordnen alles in Schalen. Sechsundvierzigtausend Portionen im Monat. Jede einzelne nach meinen Rezepturen, nach meinen Vorgaben. Seit neun Jahren mache ich das. Und in all dieser Zeit hat die Hygienekontrolle nicht ein einziges Mal etwas beanstandet.
Und dieser Junge mit Papas goldener Kette wirft meine Unterlagen auf den Boden und nennt mich eine arme Schluckerin.
»Philipp«, sagte ich. Nicht laut. Trotzdem hörte es die ganze Kabine. In der Business Class muss man nicht schreien. »Wissen Sie eigentlich, was Sie gerade auf den Boden geschleudert haben?«
Er zuckte mit den Schultern.
»Die Dokumente der Firma, die Sie auf jedem Flug dieser Airline versorgt. Jedes Tablett, das man Ihnen in zwei Stunden bringt, kommt aus meiner Produktion. Von meinen Leuten. Nach meinen Standards. Dieses Logo hier — sehen Sie?« Ich drehte die Mappe so, dass er es nicht übersehen konnte. »Es ist dasselbe Zeichen, das auf Ihrem Abendessen stehen wird. Auf der Serviette. Auf dem Becher. Auf jedem einzelnen Teil.«
Er blinzelte. Zum ersten Mal seit Beginn dieser Szene bewegte sich etwas in seinem Gesicht. Keine Reue. Eher Verunsicherung. Wie bei jemandem, der eine Lage falsch eingeschätzt hat und noch nicht begreift, wie sehr.
»Ich trage keine Preisschilder an mir«, fuhr ich fort. »Keine goldenen Armbänder. Ich muss auch nicht den Namen meines Vaters nennen, wenn ich einen Fensterplatz möchte. Das brauche ich nicht. Ich habe meinen eigenen Namen. Lea kennt ihn. Die Hälfte der Crew kennt ihn. Und die Fluggesellschaft kennt ihn seit neun Jahren.«
Es wurde still.
»Und wissen Sie, was ich sehe, wenn ich Sie ansehe? Dreiundzwanzig Restaurants Ihres Vaters. Nicht Ihre — seine. Turnschuhe für ungefähr 1.200 €, die nicht Sie verdient haben. Eine goldene Kundenkarte, die nicht Sie bezahlt haben. Und Manieren, die exakt null Euro wert sind.«
Der Mann mit der Zeitung räusperte sich. Leise, aber deutlich genug. Ich verstand es: Er stand auf meiner Seite. Zwei Reihen weiter nickte die ältere Dame.
»Sie haben soeben an Bord fremdes Eigentum beschädigt. Sie haben eine Passagierin vor Zeugen beleidigt — sieben Menschen haben das Wort ›arme Schluckerin‹ gehört. Außerdem haben Sie zweimal die Anweisung einer Flugbegleiterin missachtet. Man bat Sie, sich anzuschnallen und Platz zu nehmen. Stattdessen standen Sie auf und schleuderten den Koffer durch den Gang. Das sind drei Gründe, Sie nach § 107 des Luftverkehrsgesetzes der Bundesrepublik Deutschland von diesem Flug auszuschließen.«
Sein linkes Lid zuckte.
»Sie bluffen«, sagte er. Seine Stimme war plötzlich dünner. Von dem großspurigen Bass war nichts mehr übrig.
»Lea«, sagte ich, ohne mich umzudrehen. »Bitte melde es.«
»Schon erledigt«, antwortete Lea Peters. »Emil Peters ist informiert.«
Die Cockpittür öffnete sich. Emil Peters trat heraus. Ich flog seit vier Jahren regelmäßig mit ihm. Groß, grauhaarig, breite Schultern, ein ruhiges Gesicht, das schwer wirkte wie Stein. Sein Blick ging einmal durch die Kabine: der Koffer im Gang, die verstreuten Papiere, von denen noch nicht alle eingesammelt waren, ich mit der Mappe in den Händen — und Philipp Klein, kreidebleich, mit zuckendem Augenlid.
»Katharina Lang«, sagte er. »Guten Abend. Man hat mir berichtet, was passiert ist. Im Namen der Besatzung entschuldige ich mich. Wir hätten früher eingreifen müssen.«
Dann wandte er sich Philipp zu. Nicht sofort. Erst ließ er eine Sekunde verstreichen, und diese Sekunde sagte mehr als jede lange Rede.
»Junger Mann. Mein Name ist Emil Peters. Ich bin verantwortlicher Pilot, seit zweiundzwanzig Jahren im Flugdienst. Auf Grundlage von § 107 des Luftverkehrsgesetzes der Bundesrepublik Deutschland treffe ich die Entscheidung, Sie wegen Verstoßes gegen die Verhaltensregeln an Bord, wegen Beschädigung des Eigentums einer Passagierin und wegen Nichtbefolgung der Anweisungen der Flugbegleiterin von diesem Flug auszuschließen. Die Bundespolizei wird gleich hier sein. Bitte nehmen Sie Ihre Sachen.«
Philipp wurde weiß wie Papier.
»Das können Sie nicht machen. Mein Vater …«
»Ihr Vater sitzt nicht in diesem Flugzeug«, sagte Emil Peters. »Ihre Sachen, bitte.«
»Ich rufe ihn an! Ich werde Sie alle …«
»Tun Sie das«, Emil Peters nickte ruhig. »Sobald Sie das Flugzeug verlassen haben.«
Philipp sah zu Lea Peters. Sie stand kerzengerade da, die Hände hinter dem Rücken. Dann zu dem Mann mit der Zeitung — der blickte aus dem Fenster. Schließlich blieb sein Blick an mir hängen.
