»Das ist mein Platz«, sagte der junge Mann in weißen Sneakers mit roter Sohle und tippte mit dem Finger gegen den Sitz am Fenster.
Ich hob den Blick vom Handy. Businessclass. Flug Berlin–Travemünde, Abflug um 19:40 Uhr. Platz 2A, direkt am Fenster, möglichst weit weg vom Gang. Genau diesen Sitz wählte ich immer.
»Welche Sitznummer steht denn auf Ihrer Bordkarte?«, fragte ich ruhig.
Er machte sich nicht einmal die Mühe, nachzusehen. Stattdessen wedelte er mit der Hand, an der ein schweres goldenes Armband glänzte, als verscheuche er eine lästige Fliege.
»Ist doch egal. Ich habe Business bezahlt. Ich will ans Fenster.«

Er mochte sechsundzwanzig sein, vielleicht siebenundzwanzig. Auf seinem T-Shirt prangte ein riesiges Markenlogo, sein Parfüm hing so dicht in der Luft, dass man es noch drei Reihen weiter riechen konnte. Die kurzen Haare waren mit Gel in Form gebracht. Und dieser Blick — von oben herab, als mustere er Ware im Sonderangebot.
Wortlos hielt ich ihm meine Bordkarte hin. 2A. Schwarz auf weiß.
Sein Blick glitt über meinen Leinenblazer, über die schlichten grauen Hosen, über mein ungeschminktes Gesicht und die kurz geschnittenen Haare, in denen das Grau nicht versteckt wurde. Dann blieb er an meinen Händen hängen: keine Ringe, keine Armbänder. Nur eine Uhr. Unauffällig, ohne sichtbaren Schriftzug.
Er verzog den Mund zu einem spöttischen Lächeln.
»Hören Sie mal, Tante. Sind Sie sicher, dass Sie hier richtig sind? Vielleicht haben Sie den falschen Bereich erwischt.«
Seit zweiundzwanzig Jahren baue ich mein Unternehmen auf. Angefangen hatte alles mit einer einzigen Küche in einem Gewerbegebiet von Miesbach: vier Leute, ein Kühlschrank, Töpfe von zu Hause. Heute beschäftigen wir zweihundertachtzig Mitarbeiter, betreiben drei Produktionsstätten und haben Verträge mit der größten Fluggesellschaft des Landes. Fünfzigmal im Jahr sitze ich auf genau diesem Platz. Und in all den Jahren habe ich nie gelernt, Preisschilder an mir zu tragen. Ich will es nicht. Ich sehe keinen Grund dafür.
»Ja, ich bin sicher«, erwiderte ich. »Bitte setzen Sie sich auf Ihren Platz.«
Er schnaubte und ließ sich auf 2B fallen, schräg gegenüber auf der anderen Seite des Ganges. Dann schlug er die Beine übereinander und zog ein Telefon in goldener Hülle hervor.
Aber Ruhe geben würde er nicht. Das war mir schon in diesem Moment klar.
Ich klappte meinen Laptop auf und öffnete die geschäftlichen E-Mails. Der neue Vertrag für das kommende Quartal umfasste hundertsechsundvierzig Seiten. Drei Flughäfen, elf Strecken, Bordverpflegung für jeden einzelnen Flug. Meine Firma, »AviaTechLine«, versorgt diese Airline seit neun Jahren. Jede Essensschale, jede einzeln verpackte Serviette, jede Portion Kaffee in der Thermoskanne — dahinter stehen meine Leute, meine Produktionshallen, meine Rezepturen.
Ich vertiefte mich in die Zahlen. Abschnitt zweiunddreißig: Logistik für warme Mahlzeiten, Beladungsnormen für die Maschinen. Gewohnte Arbeit. Ich lese meine eigenen Unterlagen gern. Es hat etwas Beruhigendes, zu sehen, wie zweiundzwanzig Jahre Mühe sich in Paragraphen, Unterpunkten und Tabellen niederschlagen.
Der junge Mann hielt es vielleicht sieben Minuten aus. Dann beugte er sich über den Gang.
»Hey«, rief er. »Warum sitzt du eigentlich in der Businessclass, ganz ohne Ring, ohne Ohrringe? Hast du überhaupt einen Mann? Oder fliegst du vom letzten Geld?«
Ich antwortete nicht und blätterte weiter.
»Hörst du schlecht? Oder bist du schon taub?« Er lachte laut über seinen eigenen Witz, so laut, dass es durch die ganze Kabine hallte.
In der Businessclass gab es zwölf Sitze. Sieben waren besetzt. Ein Mann im grauen Anzug, eine Reihe hinter uns, senkte seine Zeitung und sah den Jungen über den Rand seiner Brille hinweg an. Eine Frau mit einer etwa achtjährigen Tochter in der dritten Reihe drehte sich kurz um, wandte den Blick aber sofort wieder ab.
»Ignorierst du mich?«, murmelte er höhnisch. »Na gut.«
Er stand auf, öffnete das Gepäckfach über meinem Sitz — selbstsicher, besitzergreifend, als gehöre ihm das ganze Flugzeug —, packte meinen Koffer mit beiden Händen, zog ihn heraus und schob ihn ans äußerste Ende des Fachs, in die Ecke, wo er ihn mit seiner Jacke festklemmte. Auf den freigewordenen Platz direkt über meinem Kopf stellte er seinen eigenen Koffer: schwarz, mit goldenen Reißverschlüssen und dem Anhänger irgendeiner italienischen Marke.
»Mein Koffer stand dort«, sagte ich.
»Jetzt nicht mehr. Meiner ist teurer. Deiner fühlt sich in der Ecke bestimmt wohl.«
Ich klappte den Laptop zu. Dann stand ich auf, öffnete das Gepäckfach erneut, nahm seinen Koffer mit den goldenen Reißverschlüssen heraus und stellte ihn sorgfältig in den Gang. Meinen schob ich wieder an seinen ursprünglichen Platz. Danach schloss ich das Fach. Ohne ein Wort. Ohne Eile. Ganz ruhig.
Seine Ohren liefen rot an. Nicht sein Gesicht — das fiel mir auf —, sondern die Ohrspitzen, die plötzlich leuchtend rot wurden.
»Was soll das? Spinnst du?«
»Ich bringe nur meine Sachen zurück. Ihr Koffer gehört in Ihr Fach. Über Ihrem Sitz.« Ich deutete mit der Hand darauf.
»Weißt du überhaupt, wer ich bin?«
Die gesamte Kabine hörte es. Der Mann mit der Zeitung legte sie nun auf die Knie. Zwei Reihen weiter schüttelte eine ältere Dame missbilligend den Kopf.
»Nein«, sagte ich. »Und ich sehe auch keinen Anlass, es herauszufinden.«
»Mein Vater ist Thomas Köhler. Die Restaurantkette ›Goldener Schaschlik‹. Dreiundzwanzig Lokale in Berlin und Umgebung. Schon mal gehört?«
Er sprach den Namen aus wie ein Passwort zu einem Tresor. Oder wie den Zugangscode zu einer Erwachsenenwelt, in die er allein wegen seines Nachnamens eingelassen wurde.
Von dieser Kette hatte ich gehört.
