…und das alles nur wegen dir und dieser fremden Frau…
— Marlene ist keine Fremde, — fiel Elias ihr scharf ins Wort. — Sie ist meine Ehefrau. Und wenn du das nicht akzeptieren kannst, dann… dann tut mir das leid.
Dorothea Albrecht antwortete nicht. Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und ging zur Tür. Auf der Schwelle blieb sie stehen und warf ihm noch einmal einen Blick über die Schulter zu, kalt und verletzend zugleich.
— Das wirst du bereuen, Elias. Wenn sie dich verlässt — und sie wird dich verlassen, das verspreche ich dir —, dann wage es nicht, weinend zu mir zurückzukommen!
Mit einem lauten Knall fiel die Tür ins Schloss.
Elias und Marlene standen reglos in der Küche. Die Stille drückte, beinahe schmerzhaft. Erst nach einigen Minuten fanden sie langsam wieder ins Hier und Jetzt zurück.
— Danke, — sagte Marlene schließlich leise.
Elias zog sie an sich, hielt sie fest, als müsste er sich vergewissern, dass sie wirklich da war.
— Es tut mir leid, dass ich so lange gebraucht habe, — murmelte er. — Sie ist eben meine Mutter… Ich wollte sie nicht verletzen.
— Ich verstehe das, — antwortete Marlene und lehnte den Kopf an seine Schulter. — Aber ich hatte schon Angst, dass du niemals für mich einstehen würdest.
— Ich stand immer auf deiner Seite. Nur… ich hatte Angst, ihr weh zu tun. Sie hat mich allein großgezogen, vieles aufgegeben.
— Trotzdem gibt ihr das kein Recht, dein Leben zu bestimmen, — entgegnete Marlene ruhig. — Du hast Anspruch auf deine eigene Familie. Und auf eigene Entscheidungen.
Elias nickte langsam.
— Vielleicht war es unvermeidlich. Man kann nicht ewig nach den Regeln anderer leben.
Die folgenden Tage vergingen seltsam ruhig. Dorothea meldete sich nicht — etwas, das völlig untypisch für sie war. Normalerweise rief sie mehrmals täglich an, um jede Kleinigkeit im Leben ihres Sohnes zu kontrollieren.
— Meinst du, ich sollte sie anrufen? — fragte Elias am dritten Tag zögernd. — Vielleicht ist etwas passiert.
Marlene schüttelte den Kopf.
— Das ist Schweigen mit Absicht. Sie wartet darauf, dass du reumütig zu ihr kommst.
— Aber wenn sie krank ist…
— Dann hätte sie sich längst gemeldet — und zwar nicht nur einmal, — erwiderte Marlene sachlich. — Deine Mutter leidet nicht still.
Und tatsächlich: Am fünften Tag tauchte Dorothea auf — indirekt. Elias’ Tante Katharina Fuchs rief an.
— Elias, was ist bei euch los? — fragte sie besorgt. — Deine Mutter ist völlig aufgelöst, sie weint den ganzen Tag.
— Tante Katharina, sie hat selbst alles ausgelöst, — antwortete Elias erschöpft. — Sie hat mich vor die Wahl gestellt: sie oder meine Frau. Was hätte ich tun sollen?
— Man hätte vielleicht etwas behutsamer sein können… Immerhin hat sie dich allein großgezogen.
— Dafür bin ich ihr dankbar. Aber das heißt nicht, dass ich mein ganzes Leben nach ihren Vorgaben führen muss.
Katharina seufzte.
— Sie meint es nicht böse. Sie hat einfach Angst, dich zu verlieren. Du bist ihr Einziger.
— Sie wird mich nicht verlieren. Aber sie muss akzeptieren, dass ich verheiratet bin. Und dass Marlene Respekt verdient.
— Ich rede mit ihr, — versprach Katharina. — Aber überlege auch du, ob eine Versöhnung nicht möglich wäre. Es ist schließlich deine Mutter.
Nach dem Gespräch saß Elias lange schweigend da.
— Vielleicht sollte ich doch den ersten Schritt machen? — fragte er schließlich Marlene.
— Und was würde das ändern? — entgegnete sie. — Du entschuldigst dich, sie spielt die Großmütige, und danach beginnt alles von vorn. Kontrolle, Manipulation, Respektlosigkeit mir gegenüber.
— Aber sie ist meine Mutter…
— Elias, ich verlange nicht, dass du sie aufgibst. Nur, dass sie mich respektiert. Ist das wirklich zu viel?
Er schüttelte den Kopf.
— Nein. Du hast recht. Wenn wir jetzt nachgeben, ändert sich gar nichts.
Eine Woche verging. Bis zum Urlaub waren es noch drei Tage, und Marlene und Elias packten gerade ihre Koffer. Zum ersten Mal seit Langem hatten sie das Gefühl, frei zu sein — ohne den ständigen Einfluss der Schwiegermutter.
Da klingelte es.
Vor der Tür stand Dorothea Albrecht. Doch nicht die stolze, kämpferische Frau, die sie kannten, sondern eine müde, gebrochene Version von ihr.
— Darf ich reinkommen? — fragte sie leise.
Elias trat unschlüssig zur Seite. Marlene kam aus dem Schlafzimmer, blieb stehen, als sie Dorothea sah.
— Ich… ich möchte reden, — sagte Dorothea, und zum ersten Mal lag keine Feindseligkeit in ihrer Stimme. — Mit euch beiden.
Sie gingen ins Wohnzimmer. Dorothea setzte sich in den Sessel und verschränkte die Finger ineinander, während sie den Blick auf ihre Knie senkte.
