Der Freitagabend hätte eigentlich ruhig werden sollen. Sophie kam später als sonst nach Hause, in beiden Händen schwere Einkaufstüten, in denen Flaschen mit Olivenöl und Dosen mit italienischen Tomaten leise gegeneinander klirrten. Nach der Arbeit war sie extra noch über den Markt gefahren, um gutes Rindfleisch und frische Kräuter zu besorgen.
In einer der Tüten steckte außerdem ein Geschenk für Daniel: eine Flasche gereifter Malbec, nach der er seit einem halben Jahr gesucht hatte. Sophie hatte sich vorgestellt, dass ein stiller Abend, zwei Gläser ordentlicher Wein und etwas Wärme zwischen ihnen vielleicht endlich ein richtiges Gespräch möglich machen würden. Nicht dieses Ausweichen, nicht diese halben Sätze. Ein echtes Gespräch.
Der Schlüssel drehte sich im Schloss. Kaum hatte Sophie die Tür geöffnet, schlug ihr aus der Wohnung der Geruch von angebranntem Fett und Zwiebeln entgegen. Im Flur stand bereits Brigitte, ihre Schwiegermutter. Die Hände in die Hüften gestemmt, die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst.
„Da ist sie ja, die Nachtschwärmerin. Das Essen steht seit Ewigkeiten da, die Frikadellen sind schon wie Gummi. Bei einer anständigen Ehefrau ist der Tisch pünktlich gedeckt, aber du treibst dich irgendwo herum.“
Sophie antwortete nicht. Sie zog den Mantel aus, hängte ihn ordentlich auf den Bügel. Die Tüten schnitten ihr in die Finger.

„Ich war arbeiten, Brigitte. Die Besprechung hat länger gedauert.“
„Ach, ich kenne deine Besprechungen.“ Brigitte schnaubte. „Zu unserer Zeit sind Frauen auch arbeiten gegangen. Trotzdem haben sie es geschafft, Mittagessen zu kochen, den Mann zu empfangen und die Wohnung in Ordnung zu halten. Und du? Du rennst deiner Karriere hinterher, als wäre sie ein goldener Schatz.“
Sophie ging in die Küche und bemühte sich, nicht darauf einzugehen. Auf dem Herd stand tatsächlich eine Pfanne mit dunkelbraunen Klumpen, die wohl einmal Frikadellen gewesen waren. Daneben ein Topf mit kalt gewordenem Eintopf. Sie begann, die Einkäufe auszupacken, Lebensmittel in die Schränke zu räumen und das Geschirr zu spülen, das sich im Lauf des Tages angesammelt hatte.
Brigitte setzte sich an den Küchentisch, stützte das Kinn in die Hand und beobachtete ihre Schwiegertochter mit dem Blick einer Prüferin. Aus dem Wohnzimmer drangen gedämpfte Schüsse und Explosionen. Daniel spielte an der Konsole. Er war nicht einmal herausgekommen, um Hallo zu sagen.
„Sophiechen“, begann Brigitte plötzlich, und ihre Stimme wurde weich, fast schmeichelnd. Gerade deshalb lief Sophie ein kalter Schauer über den Rücken. „Daniel braucht für sein Start-up dreitausend Euro. Nur noch eine Woche, verstehst du? Der Investor drängt. Und du lebst hier, als würdest du im Geld schwimmen.“
Sophie hielt über dem Spülbecken inne. Langsam trocknete sie sich die Hände an einem Küchentuch ab und wandte sich um.
„Gestern habe ich ihm fünfhundert Euro für Werbung überwiesen. Davor habe ich seine Programmierkurse bezahlt. Wofür jetzt noch dreitausend?“
„Wofür, wofür!“ Brigitte warf die Hände in die Luft. „Ganz normales Geld ist das. Oder verstehst du es absichtlich nicht? In einer Familie gibt es ein gemeinsames Budget. Oder ist dir für deinen eigenen Mann jeder Euro zu schade? Uns würdest du am liebsten noch das letzte Hemd ausziehen. Jeden Morgen kaufst du dir Kaffee zum Mitnehmen, aber wenn es um eine Familiensache geht, sitzt plötzlich die Kröte auf dem Geldbeutel. Du bist eine Schmarotzerin mit umgekehrtem Vorzeichen, genau das bist du.“
Sophie presste die Zähne zusammen. Sie erinnerte sich an den kleinen Cappuccino, den sie sich am Morgen im Café neben dem Büro gegönnt hatte. Zwei Euro. Die einzige angenehme Minute an diesem Tag. Und selbst dieser Cappuccino wurde ihr seit zwei Monaten vorgehalten.
„Mama, lass sie“, rief Daniel aus dem Wohnzimmer. Er machte sich nicht einmal die Mühe, vom Sofa aufzustehen. „Sophie, ehrlich gesagt bist du wirklich geizig geworden. Früher warst du anders. Da hast du noch an mich geglaubt.“
Sophie trat in den Flur, von wo aus man ins Wohnzimmer sehen konnte. Daniel lag auf dem Sofa, die Beine über die Armlehne gehängt, den Blick starr auf den Fernseher gerichtet. Auf dem Bildschirm rannten irgendwelche Monster, Maschinengewehre hämmerten. Vierunddreißig Jahre war dieser Mann alt. Vierunddreißig.
„Daniel, lass uns bitte ohne deine Mutter reden“, sagte sie leise.
„Warum denn flüstern?“ Brigitte tauchte sofort in der Küchentür auf. „Hast du jetzt Geheimnisse vor mir? Ich wohne hier übrigens auch. Ich habe meine Seele in diese Wohnung gesteckt. Meine Nerven und meine Ersparnisse. Und du tust so, als wären mein Sohn und ich Fremde.“
Sophie drehte sich langsam zu ihr um. Ihre Seele und ihre Ersparnisse. Tausend Euro für die Renovierung, die Brigitte vor drei Jahren beigesteuert hatte. Tausend Euro, an die seitdem jeden einzelnen Tag erinnert wurde. Dabei hatte die Renovierung über fünfzehntausend Euro gekostet, und jeden Cent davon hatte Sophie verdient. Genau wie die Anzahlung für die Hypothek. Genau wie die Raten selbst.
Brigitte sah sie mit einer Miene rechtschaffener Empörung an. Dann wandte sie sich an ihren Sohn, als wäre Sophie gar nicht im Raum.
„Aus der wird nie eine richtige Ehefrau. Die denkt nur an sich. Aber keine Sorge, ich werde sie schon zurechtrücken. Die Wohnung gehört jetzt schließlich uns allen, da kann sie sich nicht einfach aus dem Staub machen.“
Sophie schwieg. Sie ging ins Schlafzimmer, schloss die Tür hinter sich, setzte sich aufs Bett und starrte lange auf ihre Tasche, die voller Arbeitsunterlagen war. Schließlich nahm sie den Laptop heraus und öffnete die Banking-App. Fünfzehntausend Euro lagen auf ihrem Sparkonto. Ihr Sicherheitsnetz, das sie sich in den vergangenen drei Jahren heimlich aufgebaut hatte. Daniel wusste nichts davon. Brigitte erst recht nicht.
Sophie klappte den Laptop zu und legte sich hin. Schlaf fand sie nicht.
Sie dachte daran zurück, wie alles angefangen hatte. Vor fünf Jahren hatte ihre Großmutter, der einzige Mensch, der ihr wirklich nahestand, ihr ein Erbe hinterlassen: fünftausend Euro. Daniel hatte damals vorgeschlagen, das Geld als Anzahlung für eine Wohnung zu nutzen. Er behauptete, er habe ebenfalls Ersparnisse. Doch als es an die Vertragsunterzeichnung ging, waren seine Mittel plötzlich „nicht verfügbar“ gewesen. Alles stecke in einem „bahnbrechenden Projekt“, hatte er gesagt. Die Wohnung wurde auf Sophies Namen gekauft. Die Hypothek ebenfalls. Brigitte hatte damals nur trocken bemerkt: „Dann zahl auch selbst, wenn du so unabhängig sein willst. Meinen Sohn ziehst du nicht in deine Schuldenfalle.“
Und Sophie zahlte. Monat für Monat. Dreihundertfünfzig Euro. Nebenkosten, Lebensmittel, Putzmittel, Medikamente, wenn jemand krank wurde, Kleidung, Geräte für den Haushalt — alles lastete auf ihr. Daniel lieh sich immer wieder Geld für seine Start-ups, und nie kam etwas davon zurück. Brigitte arbeitete seit Jahren nicht mehr, lebte von einer mageren Rente und belehrte ihre Schwiegertochter trotzdem unermüdlich darüber, wie man „richtig“ zu leben habe. Sophie hielt es aus. Weil sie liebte. Weil sie glaubte, Familie sei das Wichtigste. Weil ihre eigene Mutter getrunken und sie als Kind bei der Großmutter zurückgelassen hatte. Damals hatte Sophie sich geschworen, dass ihr Leben anders werden würde. Dass sie eine andere Familie haben würde.
Nun hatte sie genau diese Familie bekommen.
Am Sonntag inszenierte Brigitte ein demonstratives Mittagessen. Auf dem Tisch stand das alte Service der Großmutter, dazu hatte sie eine ganze Platte Pasteten gebacken und thronte nun am Kopfende wie eine Kaiserin. Daniel saß mit leerem Blick daneben und stocherte lustlos mit der Gabel auf seinem Teller herum.
„Sophiechen, noch ein bisschen Suppe?“ säuselte Brigitte. „Du bist so dünn geworden, diese Arbeit saugt dich völlig aus. Es wäre langsam Zeit, an die Seele zu denken. An Mutterschaft. Die Uhr tickt, weißt du. Du schenkst uns einen Enkel, gehst in Elternzeit, und Daniel übernimmt endlich die Männerrolle, verdient Geld. Du bleibst zu Hause, bei deinem Mann, sicher wie hinter einer Mauer.“
Sophie hob den Blick von ihrem Teller.
„Wovon sollen wir leben, während er diese Rolle übernimmt? Die Hypothek läuft auf mich. Wer zahlt sie dann?“
Brigittes Mund verzog sich missbilligend. Sorgfältig tupfte sie sich die Lippen mit der Serviette ab.
„Wenn Gott ein Kind schenkt, schenkt er auch das Brot dazu. Widersprich den Älteren nicht. Mutterschaft ist deine eigentliche Bestimmung, nicht dieses Herumwühlen in Akten.“
„In diesen Akten, Brigitte, steckt mein Gehalt. Und die Hypothek. Und der Kredit für den Kühlschrank. Und, wenn wir schon dabei sind, auch Ihre Pasteten.“
Daniel schreckte auf, als sei er erst jetzt wieder im Raum angekommen.
„Sophie, bitte, du machst immer alles so negativ. Was ist schon eine Hypothek? Ich bringe mein Business zum Laufen, dann zahlen wir alles auf einmal ab. Gib mir einfach noch etwas Zeit.“
„Welche Zeit, Daniel? Seit drei Jahren versprichst du das. Kein einziges deiner Projekte funktioniert. Du hast nicht einmal eine Nebenkostenabrechnung bezahlt.“
„Da haben wir es wieder.“ Daniel schob den Teller von sich. „Mama hat recht. Du lebst mit einem Taschenrechner im Kopf.“
Brigitte nickte zufrieden. Sophie spürte, wie ihr Übelkeit in die Kehle stieg. Sie stand vom Tisch auf.
„Danke für das Essen. Ich lege mich kurz hin. Ich habe Kopfschmerzen.“
Am Abend kam Daniel ins Schlafzimmer. Sophie saß mit einem Buch in den Händen auf dem Bett und tat so, als würde sie lesen. Er setzte sich an die Bettkante und wollte nach ihrer Hand greifen. Sie zog die Finger weg.
„Sophie, lass uns nicht streiten. Mama meint es doch gut mit uns.“
„Was heißt mit uns? Sie frisst mich bei lebendigem Leib auf.“
„Sie ist ein guter Mensch. Sie will nur, dass alles ordentlich und normal läuft.“
„Ordentlich und normal bedeutet also, dass ich schufte wie ein Zugpferd, du auf dem Sofa liegst und deine Mutter mich Schmarotzerin nennt?“
Daniel verzog das Gesicht.
„So hat sie das nicht gemeint. Du legst es nur falsch aus.“
„Dann erklär es mir.“ Sophie sah ihn fest an. „Erklär mir, was sie meinte, als sie sagte, die Wohnung gehöre jetzt angeblich uns allen.“
