„„Sie war ein Zeichen meiner Freiheit“ — sagte sie angespannt, als Simons Eltern zum Abendessen erschienen“

Verlogene Perfektion, schmerzhaft enttäuschend.
Geschichten

Als die Gäste schließlich gegangen waren, schloss ich die Wohnungstür hinter ihnen und drehte mich zu Simon Richter um. Er stand im Flur, die Schultern schuldbewusst hängen gelassen, doch in seinen Augen glomm bereits dieser sture Funke auf, den ich an ihm nur zu gut kannte.

„Was sollte das eben?“, fragte ich und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Warum musstest du so mit meiner Mutter reden? Sie meinte es doch nur gut“, murmelte er und wich meinem Blick aus.

„Gut für wen? Für sie, meinst du wohl. Sie hat gerade die Zimmer in meiner Wohnung verteilt. Hast du das überhaupt mitbekommen? Und warum hast du kein einziges Wort gesagt?“

Da fuhr er hoch. „Was hätte ich denn sagen sollen? Dass du geizig bist? Dass du meine Eltern einfach auf die Straße setzen würdest? Sie haben wirklich keine vernünftige Unterkunft! Warst du mal in diesem Wohnheim? Die Wände sind voller Schimmel! Und du sitzt hier allein in drei Zimmern!“

„Ich bin nicht allein. Ich lebe mit dir hier. Aber es bleibt meine Wohnung, Simon. Von meinem Geld gekauft, auf meinen Namen eingetragen. Und zwar vor der Ehe. Begreifst du, was das rechtlich bedeutet? Oder hat deine Mutter inzwischen auch schon das Gesetz nach ihren Vorstellungen umgeschrieben?“

Er fuhr sich mit beiden Händen an den Kopf.

„Was soll dieses Gerede von Recht und Gesetz? Es geht um Familie! Um die eigenen Leute! Du denkst überhaupt nicht an andere. Mama hat immer gesagt, du seist egoistisch, und ich wollte es nicht glauben. Jetzt sehe ich, dass sie recht hatte.“

Diese Worte trafen mich wie eine Ohrfeige. Ich starrte ihn an und erkannte den Mann vor mir kaum wieder. Der Simon, der mich früher auf Händen getragen hatte, der behauptet hatte, ich sei sein ganzes Leben, war plötzlich zu einem erbärmlichen Feigling geworden, der nur die Sätze seiner Mutter nachplapperte.

„Weißt du was“, sagte ich nach einer langen, schweren Pause, „wenn du tatsächlich meinst, meine Wohnung sei gemeinsames Eigentum, dann sollten wir dringend mit einem Anwalt sprechen. Und falls deine Eltern versuchen, hier einzuziehen, rufe ich die Polizei. Darauf kannst du dich verlassen.“

„Das wagst du nicht!“, schnappte er.

„Wollen wir es darauf ankommen lassen?“

Er knallte die Tür zum Wohnzimmer hinter sich zu und schlief dort. Ich blieb bis drei Uhr morgens in der Küche sitzen, trank kalten Tee und ging in Gedanken jede einzelne Szene unseres Kennenlernens durch. Es hatte Warnzeichen gegeben. Natürlich hatte es sie gegeben. Seine Nachgiebigkeit, sein Ausweichen bei allen alltäglichen Fragen, die ständigen Telefonate mit seiner Mutter. Ich hatte sie nur nicht sehen wollen. Ich hatte mir eingeredet, Liebe würde alles ordnen. Und nun hatten fremde Menschen in meiner Wohnung, die ich mir mit Mühe und Verzicht erarbeitet hatte, in Gedanken schon ihre Möbel aufgestellt.

Am nächsten Morgen riss mich ein verdächtiger Lärm aus dem Schlaf. Im selben Moment hörte ich Sabine Köhlers befehlsgewohnte Stimme aus dem Flur.

„Lea, bring den Koffer ins Wohnzimmer. Thomas, stell die Taschen an die Wand, steh nicht im Weg herum. Simon, hilf deiner Mutter!“

Barfuß und im Schlafanzug stürzte ich hinaus. Was ich sah, ließ mich für einen Augenblick erstarren. Im Eingangsbereich türmten sich abgewetzte Reisetaschen, eine riesige karierte Tragetasche, zwei Rollkoffer und mehrere mit Klebeband umwickelte Kartons. Sabine Köhler dirigierte das Ganze, als befände sie sich auf einem Feldzug. Thomas Werner schleppte ergeben die letzte Kiste herein. Lea Walter hatte sich, die Kopfhörer noch auf den Ohren, bereits auf meinem Sofa im Wohnzimmer hingefläzt, als wäre sie hier längst gemeldet. Simon stand neben seiner Mutter und vermied es, mich anzusehen.

„Was geht hier vor?“, meine Stimme überschlug sich fast.

Sabine Köhler wandte sich mit einer Miene zu mir um, als verstünde sie mein Entsetzen nicht im Geringsten.

„Kindchen, wir sind eingezogen. Ich habe dir das gestern doch erklärt. Steh nicht so nutzlos herum, hilf lieber beim Auspacken. Wir hatten eine lange Fahrt und sind müde.“

Ich klammerte mich an den Türrahmen, weil ich fürchtete, vor lauter Fassungslosigkeit den Halt zu verlieren. In meine Wohnung, in die ich niemanden ohne Einladung ließ, waren diese Leute eingedrungen, als wäre ich Luft und sie die rechtmäßigen Besitzer.

„Raus“, sagte ich heiser, aber fest. „Alle. Sofort.“

„Was heißt hier raus?“ Sabine stemmte die Hände in die Hüften. „Das ist das Zuhause meines Sohnes. Und du bist seine Frau. Deine Aufgabe ist es, für Ordnung zu sorgen und die Älteren zu respektieren. Fang hier keinen Aufstand an.“

„Ihr Sohn hat hier keinerlei Eigentumsrechte“, erwiderte ich und holte tief Luft. „Diese Wohnung gehört nicht ihm. Ich sage es ein letztes Mal: Nehmen Sie Ihre Sachen und verlassen Sie meine Wohnung. Andernfalls verständige ich die Polizei.“

Sabine Köhlers Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen.

„Du drohst mir? Mir? Wer glaubst du eigentlich, wer du bist? Ein Mädchen ohne Familie, das sich an meinen Jungen geklammert hat. Meinst du, nur weil du dir eine Wohnung leisten konntest, dürftest du uns herumkommandieren? Wir sind Simons Familie.“

LebensKlüber