„Mama, bitte … es reicht jetzt“, murmelte Jonas Reuter, doch seine Worte klangen kraftlos, fast entschuldigend, als hätte er selbst kein Recht, sie auszusprechen.
Katharina Schubert begriff in diesem Moment schmerzhaft klar, dass sie alleinstand. Zwei Menschen hatten sich unausgesprochen gegen sie verbündet: Mutter und Sohn. Sie redeten auf sie ein, stellten sie als herzlos dar, übten Druck aus, bis ihr die Luft zum Atmen fehlte. Die Wohnung, die einst Schutz und Geborgenheit bedeutet hatte, fühlte sich fremd an. Sie war kein Rückzugsort mehr, sondern erfüllt von Anspannung, unausgesprochenen Vorwürfen und einer Präsenz, die sie innerlich zurückweichen ließ.
Nachgeben kam für Katharina jedoch nicht infrage. Sie wusste, dass ein einziger Schritt zurück genügt hätte, um ihre Selbstachtung zu verlieren. Wenn sie jetzt einknickte, würde alles nur schlimmer werden. Marianne Vogel würde beginnen, den Ton anzugeben, sich in jede Kleinigkeit einzumischen, und Jonas würde schweigend danebenstehen und zustimmend nicken.
Katharina richtete sich auf, als müsse sie sich innerlich sammeln. „Wissen Sie was“, sagte sie ruhig, aber mit fester Stimme, „ich habe genug von dieser Diskussion. Frau Vogel, ich respektiere Sie – doch zusammenleben werden wir nicht. Diese Entscheidung ist endgültig.“
„Ach, wirklich?“ Marianne zog die Lippen schmal zusammen. „Jonas, hörst du das? Deine Frau setzt mich vor die Tür. Mich – deine eigene Mutter!“
„Ich werfe niemanden hinaus“, entgegnete Katharina müde. „Sie sind noch nicht einmal eingezogen.“
Was folgte, war ein handfester Eklat. Marianne Vogel brach in Tränen aus, sprach davon, ihr Sohn lasse sie wegen einer fremden Frau im Stich, Katharina zerstöre die Familie, und sie hätte nie gedacht, eine so grausame Schwiegertochter zu bekommen. Jonas lief zwischen beiden hin und her, sichtlich überfordert, unfähig, irgendwen wirklich zu beruhigen.
Mal versuchte er, seine Mutter zu besänftigen, dann wandte er sich wieder an seine Frau. Er redete viel, sagte aber nichts, das irgendein Problem gelöst hätte. Katharina stand am Fenster und starrte hinaus, während in ihr alles zerfiel. Sie erkannte, dass Jonas nicht auf ihrer Seite stand. Sein Mitleid galt seiner Mutter, sie selbst war für ihn längst zum Hindernis geworden.
Marianne Vogels Stimme überschlug sich nun fast. „Du verrätst mich, Jonas! Ich habe dich allein großgezogen, mein ganzes Leben für dich geopfert, und jetzt wendest du dich wegen ihr von mir ab!“
„Mama, bitte hör auf …“, versuchte Jonas erneut einzugreifen, doch auch diesmal fehlte jeder Nachdruck.
Katharina drehte sich um. Ihr Gesicht war blass, ihr Blick jedoch klar. „Frau Vogel, Sie manipulieren Ihren Sohn emotional. Sie wissen ganz genau, was Sie tun. Und ich werde mich daran nicht beteiligen.“
„Wie kannst du es wagen!“, kreischte Marianne.
„Ganz einfach“, antwortete Katharina beherrscht. „Weil es mein Leben ist. Und diese Wohnung gehört mir.“
Jonas stand reglos mitten im Raum, die Hände zu Fäusten geballt. In diesem Augenblick verstand Katharina endgültig: Er würde sich nicht für sie entscheiden. Seine Mutter stand über allem. Für ihre Beziehung würde er nicht kämpfen, wenn das bedeutete, sich dem Willen seiner Mutter zu widersetzen.
Kalt und klar, ohne die Stimme zu heben, sah Katharina ihm in die Augen. „Jonas, entweder wir leben weiter als Paar – nur wir zwei –, oder wir leben gar nicht mehr zusammen. Triff deine Wahl.“
Die Worte lagen schwer in der Luft, wie ein Urteilsspruch. Lange schwieg Jonas, sein Blick wanderte zwischen Mutter und Ehefrau hin und her. Marianne schniefte laut und tupfte sich demonstrativ die Tränen mit einem Taschentuch ab. Schließlich senkte Jonas den Kopf. „Ich kann Mama nicht alleinlassen“, sagte er leise. „Es tut mir leid, Katharina.“
Ohne ein weiteres Wort begann er, seine Sachen zusammenzusuchen. Er packte mechanisch Kleidung, Ladegeräte, Bücher und Kleinigkeiten ein, vermied ihren Blick. Marianne Vogel stand im Flur, die Lippen triumphierend aufeinandergepresst. Katharina weinte nicht. Sie beobachtete nur, wie ihr Mann aus ihrem Leben ging, und spürte eine seltsame Klarheit: Es war richtig so. Ein Mann, der sie nicht beschützen konnte, hatte keinen Platz an ihrer Seite.
Als die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel, ließ sich Katharina auf das Bett sinken und brach in Tränen aus. Kaum zu glauben, dass ihre Ehe an einem Machtspiel der Schwiegermutter zerbrochen war. Die Räume, in die sie so viel Herzblut gesteckt hatte, wirkten plötzlich leer und fremd. Und doch war da tief in ihr eine feste Gewissheit: Sie hatte richtig gehandelt.
Katharina würde niemandem erlauben, über ihr Leben zu bestimmen. Sie hatte den Kredit allein abbezahlt, diese Wohnung selbst eingerichtet, und niemand hatte das Recht, ihr das zu nehmen, was sie sich erarbeitet hatte. Langsam versiegten die Tränen. Sie stand auf, trat ans Fenster. Draußen verblasste das Licht der untergehenden Sonne, und in der Stadt gingen nach und nach die Lichter an. Das Leben ging weiter. Und Katharina wusste, dass sie stark genug war, ihm zu begegnen.
