„Diese Wohnung habe ich ganz allein gefunden und bezahlt, und ich habe nicht vor, sie mit irgendwem zu teilen!“ — fuhr Katharina dazwischen und ließ keinen Raum für Einwände

Wie kann jemand so herzlos und berechnend sein?
Geschichten

Er wollte nicht herzlos wirken, und genau das machte es so schwierig.

Marianne Vogel begann jedoch, ihre Klagen immer eindringlicher vorzutragen. Jonas kam an vielen Abenden spät nach Hause und berichtete Katharina mit bedrückter Stimme, wie seine Mutter geweint habe, wie unerträglich still die Wohnung sei, dass selbst der Fernseher das Gefühl der Leere nicht vertreiben könne und die Nachbarn kaum noch vorbeischauten. Ihre Worte schienen sich wie ein Gewicht auf ihn zu legen.

Dazu kamen ständig neue Beschwerden: der Blutdruck spiele verrückt, der Rücken schmerze, nachts habe sie Angst, allein aufzuwachen. Jonas wurde unruhig. Immer häufiger ließ er fallen, dass seine Mutter alt werde und man ihr helfen müsse, bevor etwas passiere. Für ihn klang das nach Sorge, für Katharina jedoch nach einem bekannten Muster.

Sie spürte, wohin sich das Ganze entwickelte. Sie sah es an seinem Gesicht, das sich jedes Mal verdunkelte, sobald der Name Marianne Vogel fiel, daran, dass er ihren Blick mied und Gespräche abrupt beendete. Katharina wusste: Früher oder später würde aus den Andeutungen eine konkrete Forderung werden. Einkäufe und Besuche waren nur der Anfang.

Ein diffuses Unbehagen schob sich über ihre bislang geordnete Welt. Jonas, sonst entschlossen und eher zurückhaltend, wurde auffallend nachgiebig, sobald es um seine Mutter ging. Und Marianne Vogel verstand es geschickt, ihren Sohn Schritt für Schritt in eine Richtung zu lenken, ohne je offen auszusprechen, was sie wirklich wollte. Katharina war sich sicher: Der Moment, in dem das Wort „einziehen“ fallen würde, rückte näher.

Sie wusste nicht, wie sie reagieren sollte, wenn es so weit wäre. Doch die innere Unruhe wuchs und ließ sie nachts kaum schlafen. Oft lag sie wach, starrte an die Decke und führte in Gedanken immer wieder dieselben Gespräche, suchte nach Formulierungen, die weder verletzend noch schwach klangen.

An einem Sonntag luden sie Marianne Vogel zum Abendessen ein. Katharina bereitete Kartoffelpüree zu, briet Frikadellen, deckte sorgfältig den Tisch. Die Schwiegermutter kam mit einer Torte, lächelte freundlich, lobte die Wohnung, schwärmte davon, wie hell und gemütlich alles sei. Während des Essens redeten sie über belanglose Dinge: das Wetter, die Nachbarschaft, die Arbeit. Für einen kurzen Moment entspannte sich Katharina sogar.

Dann stellte Marianne Vogel unvermittelt ihr Glas ab und sagte mit ruhiger Selbstverständlichkeit:

„Also, ihr zwei, ich habe mich entschieden. Ich ziehe zu euch.“

Der Tonfall war sachlich, beinahe beiläufig, als ginge es um einen geplanten Einkauf oder einen Arzttermin. Sie erklärte, dass es so für alle einfacher sei: der Sohn in der Nähe, Hilfe jederzeit greifbar, für sie selbst mehr Sicherheit. Jonas nickte, widersprach nicht. In diesem Augenblick wurde Katharina klar, dass er davon gewusst haben musste. Vielleicht war alles längst besprochen – nur nicht mit ihr.

Marianne Vogel redete weiter, ohne die Veränderung in Katharinas Gesicht zu bemerken:

„Meine Wohnung vermiete ich. Das Geld kommt dann natürlich in die gemeinsame Haushaltskasse. Wir machen alles zusammen, dann hat niemand mehr Sorgen. Stimmt’s, Jonas?“

In Katharina spannte sich alles an. Ihr Zuhause war soeben, ohne eine einzige Rückfrage, zu etwas „Gemeinsamen“ erklärt worden. Jonas wirkte verlegen, knetete seine Serviette, sagte aber nichts. Katharina sah ihn an, wartete auf ein Wort, irgendeinen Einwand. Doch er senkte den Blick und murmelte schließlich:

„Na ja… im Grunde schon. Mama hat es wirklich schwer allein.“

„Jonas“, sagte Katharina leise, bemüht ruhig zu bleiben, „können wir das später besprechen? Unter vier Augen?“

„Ach was“, winkte Marianne Vogel ab. „Was gibt es da zu bereden? Familie gehört zusammen.“

Der Abend endete in einer angespannten Stille. Marianne Vogel sprach bereits von neuen Vorhängen, davon, wie sie im Haushalt helfen, kochen und Ordnung halten würde – als wäre der Umzug längst beschlossene Sache. Katharina hörte kaum noch zu. In ihrem Kopf hallte nur ein Gedanke wider: meine Wohnung. Zum ersten Mal spürte sie eine kalte, klare Verärgerung gegenüber ihrer Schwiegermutter.

Bis dahin hatte Marianne Vogel für sie wie eine einsame ältere Frau gewirkt, die ein wenig Aufmerksamkeit brauchte. Nun jedoch erkannte Katharina Berechnung und Druck, etwas Zielstrebiges, das ihr zuvor entgangen war.

Als Marianne Vogel gegangen war, hielt Katharina es nicht mehr aus. Sie schloss die Tür, lehnte sich mit dem Rücken dagegen und sagte ruhig, aber fest:

„Jonas, deine Mutter wird nicht bei uns einziehen.“

Er sah sie irritiert an. „Katharina, was ist denn los mit dir? Ich wollte dich nicht übergehen. Aber sie ist wirklich allein, es fällt ihr schwer…“

„Das verstehe ich“, unterbrach sie ihn. „Aber diese Wohnung gehört mir. Ich habe sie gekauft. Ich habe dafür bezahlt.“

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