„Diese Wohnung habe ich ganz allein gefunden und bezahlt, und ich habe nicht vor, sie mit irgendwem zu teilen!“ — fuhr Katharina dazwischen und ließ keinen Raum für Einwände

Wie kann jemand so herzlos und berechnend sein?
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„Diese Wohnung habe ich ganz allein gefunden und bezahlt, und ich habe nicht vor, sie mit irgendwem zu teilen!“, fuhr ich dazwischen und ließ keinen Raum für Einwände.

Katharina Schubert und Jonas Reuter lebten zu diesem Zeitpunkt seit etwas mehr als einem Jahr zusammen. Die Wohnung, in der sie wohnten, war eine helle Zwei-Zimmer-Wohnung im siebten Stock eines Plattenbaus in einer ordentlichen Wohngegend. Sie war weder geerbt noch verschenkt worden. Katharina hatte sie sich selbst erarbeitet – über Jahre hinweg hatte sie jeden Euro zurückgelegt, kaum Urlaub genommen und praktisch ohne Pausen gearbeitet.

Zehn Jahre zuvor hatte Katharina eine Stelle als Buchhalterin in einem Bauunternehmen angenommen, damals für ein Gehalt von etwa 1.200 Euro. Später wechselte sie zu einer größeren Firma, wo sie zunächst rund 1.600 Euro verdiente. Zwei Jahre danach lag ihr Einkommen bereits bei knapp 2.100 Euro. Vergnügungen waren für sie kein Thema: keine Reisen, keine Wochenendtrips, keine teuren Kleider. Sparen war ihr Lebensstil.

Das Eigenkapital für die erste Rate des Wohnungskredits hatte sie sich innerhalb von drei Jahren zusammengespart. Die monatlichen Raten beglich sie zusätzlich durch einen Nebenjob an den Wochenenden. Als der Kredit schließlich vollständig abbezahlt war und die Wohnung offiziell ihr gehörte, erfüllte sie ein Stolz, wie sie ihn bis dahin nicht gekannt hatte.

Jonas hatte diese Selbstständigkeit von Anfang an bewundert. Er selbst lebte noch bei seiner Mutter, Marianne Vogel, in einer alten Einzimmerwohnung am Stadtrand. Schon zu Beginn ihrer Beziehung wurde deutlich, dass diese kleine Wohnung keinerlei Platz für ein gemeinsames Leben bot.

So zog Jonas ganz selbstverständlich bei Katharina ein, ohne lange Diskussionen oder große Absprachen. Ihr Alltag verlief ruhig und harmonisch, nennenswerte Streitigkeiten gab es kaum. Jonas arbeitete als Manager in einem Handelsunternehmen und verdiente ungefähr 1.300 Euro im Monat. Er beteiligte sich an den Kosten für Lebensmittel und Nebenkosten und brachte hin und wieder etwas für die Wohnung mit: eine neue Pfanne, frische Bettwäsche oder eine Glühbirne. Er wollte seinen Beitrag leisten.

Die Wohnung wirkte warm und einladend, und Katharina war stolz auf jedes Detail. Die Tapete im Wohnzimmer hatte sie selbst ausgesucht, die Möbel günstig gekauft, aber bewusst auf Qualität geachtet. In der Küche hingen helle Gardinen, die sie eigenhändig genäht hatte.

Im Schlafzimmer stand ein großer Schiebetürenschrank, dessen Regalböden zur Hälfte leer blieben. Katharina mochte keine überladenen Räume. Jonas machte gelegentlich scherzhaft die Bemerkung, dass er sich hier manchmal noch wie ein Besucher fühle. Katharina antwortete dann stets mit einem Lächeln:

„Ach was, Jonas. Das ist doch genauso dein Zuhause.“

Er nickte, lächelte zurück, doch irgendwie klang dieser Satz für ihn nie ganz überzeugend. Sie hatten sich an ihre stillen Abende gewöhnt, an gemeinsame Frühstücke und an die Ruhe. Alles lief ausgeglichen und vorhersehbar ab. An den Wochenenden gingen sie ins Kino, bestellten ab und zu Pizza und verbrachten die Abende mit Serien.

Katharina arbeitete von neun bis sechs, Jonas blieb häufig bis acht Uhr im Büro. Er kam müde nach Hause, aß etwas und legte sich schlafen. Nichts Besonderes – für Katharina war genau diese Schlichtheit angenehm.

Ihre Beziehung wirkte stabil, auch wenn Leidenschaft keine große Rolle spielte. Jonas überraschte sie nicht spontan mit Blumen und plante keine romantischen Abende, doch Katharina erwartete das auch nicht. Entscheidend war für sie, dass sie einen verlässlichen Mann an ihrer Seite hatte: keinen Trinker, keinen Draufgänger, niemanden, der Szenen machte.

Sie sprachen über Zukunftspläne – über einen Urlaub in der Türkei oder den Kauf eines gebrauchten Autos. Dass sich bald alles ändern würde, ahnten sie nicht. Oder vielleicht spürte Katharina tief in sich, dass diese Ruhe brüchiger war, als sie sich eingestehen wollte, und schob diesen Gedanken beiseite.

Marianne Vogel begann, sich bei ihrem Sohn zu beklagen, wie schwer ihr das Alleinsein in der Wohnung falle. Zunächst waren es nur gelegentliche abendliche Telefonate. Jonas trat dann auf den Balkon, sprach leise, aber sichtlich besorgt.

Mit der Zeit häuften sich die Anrufe. Einmal hatte Marianne ihre Schlüssel verloren und stand fast eine Stunde weinend im Treppenhaus, unfähig, in die Wohnung zu gelangen. Ein anderes Mal war eine Glühbirne durchgebrannt, und es gab niemanden, der sie hätte austauschen können – auf einen Hocker zu steigen sei zu gefährlich. Dann wieder fehlte jemand für den Einkauf: Die Taschen seien zu schwer, der Supermarkt drei Bushaltestellen entfernt.

Jonas hörte zu, zeigte Mitgefühl und fuhr nach der Arbeit immer öfter zu seiner Mutter. Katharina bemerkte das alles, mischte sich jedoch zunächst nicht ein. Sie verstand, dass Marianne Vogel allein war und dass es ihr tatsächlich nicht leichtfiel, den Alltag zu bewältigen, auch wenn sie nicht wollte, dass dieses Thema ihr eigenes ruhiges Leben langsam zu verändern begann.

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