„Entweder du rufst sie an und bist ehrlich, oder ich bleibe über Neujahr in der Stadt.“ — sagt Johanna ruhig und verlässt die Wohnung, ihm fünf Minuten zum Nachdenken lassend

Ihre rücksichtslosen Ansprüche vernichten unseren lang erkämpften Traum.
Geschichten

Er las die Zeilen, doch eine Antwort kam ihm nicht über die Finger. Stattdessen legte er das Smartphone wortlos beiseite, als hätte es plötzlich jedes Gewicht verloren, und trat ans Fenster. Draußen senkten sich dicke Schneeflocken lautlos auf die Straßen, bedeckten Autos, Dächer und Laternen, bis die Stadt wirkte, als sei sie in Watte gepackt. Irgendwo jenseits dieser weißen Stille, vielleicht vierzig Kilometer entfernt, stand ihr Haus. Ihr Rückzugsort. Warm, hell, bereit, sie zu empfangen.

Leise öffnete sich hinter ihm die Tür. Konrad Wagner drehte sich um und sah Johanna Lang im Rahmen stehen. Ihre Augen waren gerötet, die Lippen fest aufeinandergepresst, als müsse sie die Tränen zurückhalten.

„Ich habe es gehört“, sagte sie kaum hörbar. „Deinen Anruf. Du hast geschrien.“

Er nickte langsam.
„Ich habe mit ihr gesprochen“, antwortete er ruhig. „Und klar gesagt, dass sie nicht kommen. Niemand von ihnen.“

Johanna ging ein paar Schritte auf ihn zu, blieb unsicher stehen – und dann brach etwas in ihr. Mit einem Ruck war sie bei ihm, schlang die Arme um seinen Oberkörper und klammerte sich an ihn, als fürchte sie, den Boden zu verlieren. Er spürte, wie sie bebte.

„Es tut mir leid“, flüsterte sie gegen seine Brust. „Dass ich dich in diese Lage gebracht habe. Ich weiß, wie schwer es für dich ist, dich gegen deine Familie zu stellen.“

Konrad legte die Arme um sie, strich ihr beruhigend über das Haar.
„Du bist meine Familie“, sagte er leise, aber bestimmt. „Die wichtigste. Und das hätte ich viel früher zeigen müssen. Viel früher.“

Sie blieben so stehen, während draußen der Schnee weiterfiel. Das Telefon meldete sich erneut mit kurzen Tönen – vermutlich Nachrichten von Beatrice Schwarz oder lange Vorwürfe seiner Mutter. Konrad schenkte dem Gerät keine Beachtung mehr.

„Also wirklich… wir feiern Silvester nur zu zweit?“ Johanna hob den Kopf, sah ihn mit einem unsicheren, aber hoffnungsvollen Blick an.

Er lächelte und küsste sie sanft auf die Stirn.
„Ja. Du und ich. Kaminfeuer, Schnee vor den Fenstern. Genau so, wie du es dir immer gewünscht hast.“

„Das wird Folgen haben“, murmelte sie. „Einen Streit, der Jahre dauern kann.“

„Dann ist das eben so“, erwiderte er ruhig. „Dafür haben wir zum ersten Mal seit Monaten Ruhe. Zeit füreinander. In unserem Haus.“

Ein zaghaftes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, noch feucht von Tränen, und sie schloss ihn erneut fest in die Arme.

Zwei Tage später standen sie eingehüllt in Decken auf der Veranda ihres Hauses. Über ihnen spannte sich ein klarer, dunkler Himmel, übersät mit Sternen. Fünf Minuten trennten sie noch von Mitternacht. Drinnen knackte das Holz im Kamin, auf dem Tisch warteten zwei gefüllte Sektgläser, und aus der Küche zog der Duft von Braten herüber. Die Luft war erfüllt vom Geruch der Tannenzweige des geschmückten Baums, von Mandarinen und warmem Wachs.

„Bist du glücklich?“ fragte Konrad und legte den Arm um ihre Schultern.

Johanna schmiegte sich an ihn.
„Mehr, als ich sagen kann“, antwortete sie leise. „Ich denke nur manchmal… wenn du damals nicht angerufen hättest. Wenn sie doch gekommen wären…“

Er schüttelte den Kopf.
„Sind sie nicht. Und sie werden es auch nicht. Das hier gehört uns. Nur uns.“

In der Ferne erklangen die ersten Glockenschläge. Johanna drehte sich zu ihm um, und im warmen Licht, das aus den Fenstern fiel, sah er ihr strahlendes Gesicht.

„Frohes neues Jahr, mein Liebster.“

„Frohes neues Jahr, mein Sonnenschein.“

Sie stießen an, tranken den Sekt in der klaren, frostigen Nacht, unter funkelnden Sternen. Danach gingen sie hinein, in die wohlige Wärme des Hauses, in eine Welt aus knisterndem Feuer, Ruhe und Nähe – eine Welt, in der es nur sie beide gab.

Und genau so fühlte sich für sie beide das perfekte neue Jahr an.

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