Es sollte genau so werden. Hier draußen, fern von allem. Nur sie beide. Weißer Schnee bis an die Fenster, eine Stille, die fast greifbar war, das Knistern des Kamins. Um Mitternacht ein Glas Champagner auf der Veranda, eingehüllt in dicke Pullover, wie in einer dieser perfekten Filmszenen, die man nie vergisst.
Johanna hatte diese Vorstellung so oft ausgesprochen, dass Konrad jedes Detail kannte. Er wusste, wie sie sich den ersten Morgen des neuen Jahres ausmalte: beide in Decken gewickelt, der Himmel noch blass vom frühen Licht. Er wusste, wie sie gemeinsam in der neuen Küche frühstücken wollten, langsam, ohne Eile. Sie hatte von Spaziergängen durch den Wald gesprochen, wo der Schnee bestimmt bis zu den Knien reichen würde. Von Nachmittagen vor dem Kamin, mit Büchern, Rotwein und dieser seltenen, kostbaren Ruhe.
„Wir brauchen diese Pause“, hatte sie immer wieder gesagt. „Wir schuften das ganze Jahr wie Besessene. Du mit deinen zwei Jobs, ich mit diesen endlosen Projekten. Wann waren wir das letzte Mal wirklich zusammen? Nicht zwischen Terminen, nicht halb abwesend, sondern richtig – nur wir?“
Und nun stand all das plötzlich auf der Kippe. Zwei Tage vor der Abfahrt.
„Ich habe sie nicht eingeladen, und ich will sie hier auch nicht sehen!“, fuhr Johanna auf, ihre Stimme brach mitten im Satz. „Wenn sie kommen, feierst du Neujahr ohne mich.“
„Jo, bitte, so meinst du das doch nicht …“, versuchte Konrad einzulenken.
„Wie soll ich es denn sonst meinen?“ Sie wischte sich mit dem Handrücken die Tränen vom Gesicht. „Konrad, ich habe ein halbes Jahr davon geträumt. Wir haben uns kaputtgearbeitet, nur damit wir rechtzeitig fertig werden. Ich wollte diese Tage mit dir verbringen. Mit dir – nicht mit deiner Verwandtschaft, die hier einfällt, alles leer frisst, Chaos hinterlässt und wieder verschwindet, während wir den Scherbenhaufen aufräumen.“
„Beatrice ist nicht so …“
„Doch, genau so ist sie!“ Johanna schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Hast du vergessen, wie sie letztes Jahr ‘nur kurz’ vorbeikommen wollte und dann zwei Wochen geblieben ist? Wie Vincent deinen Whiskey geleert hat und dabei predigte, du würdest zu viel arbeiten und deine Familie vernachlässigen? Oder wie ihre Kinder deine Lieblingstasse zerbrochen haben – das Geschenk von mir – und Beatrice nicht einmal auf die Idee kam, sich zu entschuldigen, sondern nur meinte, Kinder seien eben Kinder?“
Konrad schwieg. Weil jedes Wort stimmte. Beatrice war zwei Jahre älter als er und hatte sich schon immer genommen, was sie wollte. In ihrer Kindheit hatte sie bestimmt, kommandiert, die besten Dinge für sich beansprucht. Als Erwachsene hatte sie dieses Verhalten perfektioniert: Konrad war für sie Helfer, Geldquelle für „geliehene“ Beträge ohne Rückzahlung und bequeme Unterkunft, wann immer es ihr passte.
„Sie ist meine Schwester“, brachte er schließlich leise hervor.
„Und das rechtfertigt alles?“ Johannas Blick traf ihn mit einer solchen Mischung aus Schmerz und Enttäuschung, dass ihm übel wurde. „Ich verlange nichts Unmögliches. Drei Tage, Konrad. Drei Tage allein mit dir. In unserem Haus, das wir gemeinsam aufgebaut haben. Ist das wirklich zu viel?“
„Nein, natürlich nicht.“
„Dann ruf sie an. Jetzt sofort. Und sag ihr, dass sie nicht kommen sollen.“
Er zögerte. „Du weißt doch, welchen Aufstand das gibt …“
„Dann soll es eben knallen.“ Johanna verschränkte die Arme. „Weißt du, was das eigentliche Problem ist? Ich bin müde. Müde davon, immer ganz unten auf deiner Prioritätenliste zu stehen. Erst die Arbeit, dann deine Mutter, dann Beatrice mit ihren Dauerkatastrophen – und irgendwo am Ende, wenn überhaupt noch Platz ist, komme ich. Deine Ehefrau.“
„Das stimmt so nicht!“
„Doch, genau so ist es.“ Sie trat ans Fenster und starrte hinaus in den dunklen Winterabend. „Du hast mir damals versprochen, dass ich an erster Stelle stehe. Dass wir ein Team sind, du und ich, gegen alles andere. Und was ist daraus geworden? Deine Mutter braucht ständig etwas, Beatrice steckt immer in einer Krise, und du lässt alles stehen und liegen. Und ich warte. Immer.“
Konrad ging auf sie zu, wollte sie in den Arm nehmen, doch sie wich zurück.
„Nicht“, sagte sie leise. „Sag mir einfach ehrlich: Wie willst du dieses Neujahr verbringen? Mit mir oder mit ihnen?“
Er stand da und wusste keine Antwort. Vor seinem inneren Auge tauchten Bilder auf: seine Mutter, die täglich anrief und gekränkt war, wenn er nicht kam; Beatrice, die einen Wutanfall bekam, sobald man ihr widersprach; Vincent mit seinen spitzen Bemerkungen über Männer, die sich angeblich unterbuttern ließen. Und dann andere Bilder: Johanna mit Farbflecken im Gesicht, während sie die Wände gestrichen hatte. Johanna am Kamin, dieses warme Lächeln. Johanna und ihr Traum von genau diesem einen, perfekten Neujahr, das sie sich verdient hatten.
„Mit dir“, sagte er schließlich heiser. „Natürlich mit dir.“
„Dann zeig es mir.“ Sie drehte sich zu ihm um, Hoffnung und Angst lagen gleichermaßen in ihren Augen, und es schnürte ihm die Kehle zu. „Ruf Beatrice an. Jetzt. Und sag ihr, dass sie nicht kommen kann.“
Er setzte an, etwas zu sagen.
„Das ist ein Ultimatum, Konrad“, unterbrach sie ihn ruhig, aufrecht, stark – genau so, wie er sie einst lieben gelernt hatte. „Entweder du rufst sie an und bist ehrlich, oder ich bleibe über Neujahr in der Stadt.“
